|
zurück zum Archiv /
zur Seite von Rosa Reichenbach
|
|
Rose-Marie Bohle:
Luftskulpturen
Eröffnungsrede zur Ausstellung von Rosa Reichenbach in der
Kreuzkirche in Kassel 2010
(Fotos der besprochenen Bilder unter
www.rosareichenbach.de)
Meine Damen und Herren, liebe Gäste,
wenn wir reden, wenn wir sprechen, dann entstehen neue Gestalten. Es sind tatsächlich keine
Worte, die da in einem der Luftskulpturen aus den Mündern kommen, sondern kleine Gestalten wie
aus einem Papiertheater aus alter Zeit, befestigt an einem Steg. Aber da ist auch ein Mund,
der mit einem Wort verschlossen ist. Und da sind wir schon mitten drin in der Verwirrung. Da,
wo geschwiegen wird, steht ein Wort, da, wo der Mund geöffnet ist, entspringen Gestalten. Wir
sind mitten drin in der Verwirrung, in die uns Rosa Reichenbachs Luftskulpturen bringt: sie
verrückt das, was wir als zusammengehörig oder logisch empfinden, fügt etwas Unbekanntes hinzu
und kombiniert es neu.
Wieso haben die kleinen Gestalten, die ins Wasser springen wollen, kleine Flügel auf dem Rücken?
Wo Flügel doch eindeutig zu Engeln gehören? Und was hat das auf sich mit diesem Mädchen, das
einen Ball fangen will, der gar nicht mehr in ihrer Reichweite hängt, denn er ist ja außerhalb
der Luftskulptur! Und da macht sich eine Zeichnung selbstständig! Ein Mann verlässt sein
Abbild, er steigt aus seiner eigenen Zeichnung aus!
Es ist tatsächlich zum Verrücktwerden, warum malt sie nicht anständige Bilder und steckt sie in
einen Rahmen, der uns wie schon seit Jahrhunderten sagt: Hier ist ein Rahmen, was darin ist,
ist Kunst, die Kunst bildet irgendetwas eben kunstvoll ab, alles Drumherum, jenseits der Grenze,
die durch den Rahmen markiert ist, ist Kulisse, unsere tägliche Welt.
Warum? Weil Rosa Reichenbach an der Befestigung von Grenzen oder neuen Grenzziehungen nicht
interessiert ist. Weil sie seit Jahren mit der Überschreitung von Festlegungen experimentiert,
spielerisch und radikal. In ihren Arbeiten hat sie sich immer schon eindeutigen Zuordnungen zu
Stilen, Gattungen oder Themen entzogen. Sie spielt mit allen Registern: wenn sie zeichnet,
zeichnet sie nicht, sondern skizziert, und wie wir eben gehört haben, auch das überschreitet
sie wieder, das Skizzierte verlässt seine eigene Gattung. Sie macht eine Collage und reißt sie
wieder auseinander. Um Dreidimensionalität zu erreichen, modelliert Rosa Reichenbach nicht,
sondern lässt Papierfragmente abstehen, sich rollen, lässt sie aus einem zweidimensionalen Bild
herausragen. Sie führt in den Luftskulpturen den Rahmen um die Kunst ad absurdum und macht uns
aber gerade in seinem Fehlen deutlich, dass er in unserer Kultur die Bedeutung einer Grenze hat.
Rosa Reichenbach schafft „Skulpturen“, in die man hineinsehen kann, denn das Räumliche besteht
aus Luft. Luft ist hier nicht nur Zwischenraum, Leere, sondern ist gestalterisches Element.
Das Nichts bekommt eine Bedeutung. Der „Rahmen“ ist ein transparentes Kissen, eine Bildblase.
In den Bildblasen befinden sich Collagen aus Papier, kleinen Requisiten und anderen Gegenständen
wie Fundstücke, die sie auf Flohmärkten aufspürt. Nun überrascht es uns nicht, dass ihre
Skulpturen nicht auf einem Sockel stehen wie jede vernünftige Skulptur, sondern mitten im Raum
hängen. Dass sich einige auch sozusagen als aufgeblähte Nachbarn neben Ihnen niedergelassen
haben, zeigt einmal mehr, dass sich Rosa Reichenbach auf nichts festlegen lässt – ihre
Skulpturen hängen also nicht nur in der Luft, sondern schaffen einen Zwischenraum zwischen zwei
Menschen, einen Zwischenraum, der mit Bedeutung und – wenn Sie so wollen - mit einer Geschichte
gefüllt ist.
Die Bildblasen trennen den Inhalt nicht mehr vom Raum, sie lassen den Raum optisch in sich
hinein. Die Luftskulpturen verändern sich durch den Raum je nach Standort und Lichteinfall, wie
sich auch der Raum, diese Kirche, durch die Luftskulpturen enorm verändert. Bedeutet das im
weiteren Sinn, dass damit die ehrfürchtige Trennung von Kunst und ja, wie sollen wir das nennen,
Alltag, von Kunst und Leben, von Kunst und Natur, dass diese Trennung nun aufgehoben ist? Ist
diese Trennung sinnvoll, scheint Rosa Reichenbach zu fragen, ist sie nicht vielmehr eine
gesellschaftliche Konvention, um etwas in einer Kunstenklave von uns fernzuhalten? Was drückt
Kunst aus, wovon Gesellschaft und auch wir sonst nichts wissen wollen, was uns verwirren,
vielleicht sogar bedrohen könnte in unserem Selbstbild und unserer Ordnung? Was drückt Kunst
aus, was wir längst vergessen haben in unserem Prozess des Erwachsenwerdens, unseres
persönlichen Zivilisationsprozesses? Was ist uns da verlorengegangen?
Dass da etwas Abwesendes in uns und in unserer Kultur ist, davon zeugt unser Bedürfnis nach
Kunst, das Bedürfnis, die Kunst möge etwas ausdrücken, was uns wieder zu diesem Abwesenden
zurückführt – vorausgesetzt, wir wollen nicht nur eine Bestätigung von dem, was wir immer
schon wissen. Die französische Philosophin und Psychoanalytikerin Luce Irigaray hat in Bezug
auf die Psychoanalyse gesagt: „Das Ohr aber achtet auf jedes Erschauern, das eine Rückkehr
ankündigt.“ Wir können diesen Satz vielleicht auf die Kunst abwandeln: „Das Auge aber achtet
auf jedes Erschauern, das eine Rückkehr ankündigt.“
Rosa Reichenbach ist eine Meisterin darin, die Anwesenheit eines Abwesenden zu gestalten.
Sie knickt die Zeichnung von drei Figuren, die offenbar eine Familie ergeben, sie knickt sie so,
dass wir wissen, sie sitzen auf einer Bank. Die Bank ist aber nicht da. Da liegt eine Frau in
einer Hängematte, nein, eigentlich ist die Hängematte auch nicht da, die Frau nimmt die Form
einer Hängematte an und darunter liegt eine Kuh. Nein, keineswegs eine Kuh, sondern die
Zeichnung einer Kuh. Rosa Reichenbach spielt wild herum mit den verschiedenen Ebenen von
Zeichen. Mal sind es wirkliche Plastikblumen, die an der inneren Skulpturenwand kleben, mal ist
es eine Zeichnung, mal sind es reale Handschuhe, dann nur eine Knickbewegung, dann nur das Wort.
Ich möchte Sie an ein berühmtes Bild von Magritte erinnern. Zu sehen ist eine Pfeife,
naturalistisch gemalt, unter der Pfeife der Satz: „Ceci n’est pas une pipe“, also übersetzt,
dies ist keine Pfeife. Natürlich nicht, es ist nur das Bild einer Pfeife, und er belehrt uns
gleichzeitig, dass das Wort Pfeife nur für den realen Gegenstand steht.
Rosa Reichenbach scheint sich der Strenge dieser eindeutigen Zuordnung zu entziehen. Es ist
egal, ob es eine wirkliche Kuh ist oder eine gezeichnete, sie hätte auch das Wort Kuh in die
Bildblase legen können, wie sie das Wort Ruhe in einer anderen verwendet. Was zählt, ist die
Szene, die Komposition. Nehmt Euch die Freiheit, alles zu mischen, alle Ebenen der Realität,
der Zeichen und der Bilder, die ihr euch von ihr macht und gebt ihr damit eine andere, eine
bislang wirklich unbekannte Bedeutung!
Als Rosa Reichenbach 1996 in die Villa Süßmuth einzog, stand sie selbst vor der anfänglich
scheinbar nicht zu bewältigenden Aufgabe, dem ehemaligen Flachglasatelier der Glashütte Süßmuth
eine neue Bedeutung für sich zu geben. Sie fand ein riesiges Fenster vor, an dem vor allem
Kirchenfenster komponiert und zusammengefügt worden waren. In den Regalen lagerten unzählige
Reste von farbigen Glasstücken.
Was sollte sie damit anfangen? Sie war schließlich keine Glaskünstlerin. Sie fand ihr Medium im
Transparentpapier. Wie sie damit umging, war inspiriert durch das Fragmentarische der Glasstücke.
Sie begann, das Papier zu zerreißen, es überlappend aneinander zu fügen, es zu schichten. Das,
was in ihren früheren Arbeiten schon so deutlich war, die Leichtigkeit und Vorläufigkeit,
ausgedrückt durch ihre Strichführung in den Skizzen, das potenzierte sich im Material des
Transparentpapiers.
|
“Transparentpapier zu schichten“, so sagte Rosa Reichenbach 2001, „ist für mich ein
ähnlicher Vorgang wie das Verwenden verschiedener Druckplatten - nur bleibt der Vorgang
durchsichtig. Gleichzeitig wird durch die Schichtung des Papiers Tiefe, Vorder- und Hintergrund
sowie der Bildrhythmus bestimmt und transparent gemacht. Dieses unvollendete, aber in seiner
Konsequenz fertige Bild erfordert einen Betrachter, der innerlich beweglich geblieben ist, der
mit auf eine Traumreise geht.”
Träume geschehen uns, wenn wir unser Bewusstsein ausgeknipst haben wie das Licht, wenn wir uns
schlafen legen. Sie sind unser eigenstes Produkt und dennoch sind sie uns oft in ihrer Bedeutung
fremd, unverständlich. Wie zunächst viele dieser Bildblasen hier. Und so wie wir die wirkliche
Bedeutung von Träumen nicht erfassen können, wenn wir festlegen, aha, das bedeutet das und das
muss das wohl sein, so entziehen sich die Luftskulpturen eindeutigen Feststellungen. Insofern
ist auch das, was ich heute zu Ihnen sage, keine Aussage über das, was hier hängt, sondern ich
berichte lediglich über die Spuren, die diese Luftskulpturen in meinem Denken und meinem Erleben
hinterlassen und die sich als Überlegung, aber auch als Geschichte erzählen lassen. Ihre Spuren
sehen sicher ganz anders aus.
Lassen Sie mich zum Schluss noch eine Spur verfolgen.

Da hängen vier Kissen unter der rechten Empore. In einem sehen wir rosafarbene beinahe
standardisierte Körper, die sich nur im Gesichtsausdruck unterscheiden. Wie ausgeschnittene
Strichmännchen, absolut reduziert. Beine setzen da an, wo eigentlich Arme sein sollten. Ein
bisschen wie Kinder anfänglich zeichnen, wenn sie Kopffüßler machen. Die Figuren stehen aber
nicht starr in Reih und Glied, da hört ihre Uniformiertheit auf. Es sind also Frauen, unschwer
zu erkennen auch die Stöckelschuhe. Zwei vorgewölbte Oberkörper, wie dargeboten. Sie haben
keine Arme. Sie können nichts festhalten, kein Stück Welt, keinen Menschen. Alles, was sie
erschaffen, müssen sie wieder gehen lassen. Sie können es höchstens mit ihren Blicken festhalten
oder wieder holen. Bleib da oder komm wieder, auch wenn ich Dich nicht festhalten kann, nicht
festhalten will.
Was macht die Frau in dem Kissen daneben? Sie steht vor einer Rolle aus altem etwas verblichenen
Packpapier. Sind es ihre zusammengerollten, verpackten Selbstbilder, die lange in einer Ecke
gestanden haben? Ein Kleid wie von einer Anziehpuppe klebt an der Rolle. Nackt ist sie jetzt,
ganz nackt in der Frage: wer bin ich eigentlich? Sie sieht, ich habe mal getanzt, mit anderen
zusammen, wir haben uns an den Händen gefasst.
Was kommt noch zum Vorschein, wenn ich es aufrolle? Wir erfahren es nicht, denn soweit geht die
Aufhebung der Grenze nicht, dass wir in die Skulptur hineingreifen und in den Inhalt eingreifen
könnten. Dass ich in der Rolle eine lange Zeit unbeachtete Vergangenheit sehe, ist natürlich
meine Geschichte. Aber auch das macht Kunst aus: einen Grad von Abstraktheit zu haben, mit der
sie sich über unterschiedliche Seelen vieler Menschen legen kann, und dabei nicht seine eigene
Wahrheit verliert.
Gehen wir weiter. Da steht oder vielmehr schwebt eine Frau zwischen zwei Männern, Gliederpuppen,
Marionetten, Könige, gekrönte Häupter. Mit dem einen scheint sie Flügel oder ein rosa Herz zu
teilen. Das Herz wäre aber nicht mehr am rechten Fleck, es ist aus dem Blickfeld geraten, es
sitzt jetzt auf dem Rücken. Der andere steht mit dem Rücken zu ihr, wendet aber den Kopf in
ihre Richtung. Er hat beide Flügelteile auf dem Rücken. Hat er sich seine Hälfte wiedergeholt?
Ist er ein Engel, ist er tot, eine Erinnerung der Frau? Es gibt jedenfalls noch eine starke
Verbindung zwischen ihm und der Frau, eigentlich zwischen allen Dreien.
Sie sehen, die Luftskulpturen sind kleine Bühnen, auf denen sich Dramen abspielen können, oder
Liebesgeschichten oder Geschichten von Selbstvergewisserungen. Es sind mobile kleine Bühnen,
ziemlich verrückt, Bühnen gehören doch in den Theatersaal, da gehe ich hin, wenn ich mir etwas
anschauen will, aber doch nicht in eine Kirche, wo ich damit überrascht werde! Doch, sie
gehören auch in eine Kirche, denn überall dort, wo es darum geht, die Welt, uns und unser Sein
in der Welt zu verstehen und zu transformieren, da können uns diese Bühnen etwas erzählen, an
ganz verrückten Stellen.
Gucken wir doch weiter. Zwei Menschen stürzen aus einer Tüte, einem Füllhorn, aus dem Paradies?
Die Frau hat an der Stelle der Brüste zwei Äpfel, sie ist schon herausgefallen, hält sich noch
mit einem Bein, ein Bein, das wieder an der Stelle eines Armes sitzt. Sie hält sich damit am
Mann fest, der sich noch in der Tüte verbirgt. Vielleicht haben sich auch beide aus einer Enge
befreit, aus einer Verpackung, die Schutz, aber auch wenig Bewegungsfreiheit bietet. Aus einer
Bedeutungstüte, auf der stehen könnte, wenn Ihr ein Paar seid, dann werdet Ihr Euch lieben,
füreinander da sein, vielleicht Kinder bekommen. Was ist mit all dem, was dann nicht in diese
Tüte passt? Das, was wir lieber nicht merken wollen? Wird es zusammengerollt und in die Ecke
gestellt?
„Wir wollen uns lieben, aber wir wissen nicht wie“ – habe ich mal als junge Frau an einer
Hauswand gelesen. Ich erinnere mich noch, dass mich dieser Satz befreit hat, endlich spricht
mal jemand aus, dass es keineswegs so einfach ist, wie auf der kulturellen Verpackung „Paar“
steht. Es aber rauszufinden, wie es geht jenseits von Konventionen, die immer noch feste
Rollenbilder für Männer und Frauen bereithalten, bedeutet das, einen freien Fall zu riskieren,
ohne Arme, die etwas festhalten können?
Bedeutet freier Fall, zu niemandem mehr zu gehören? Oder vertraue ich dem, was die
Luftskulpturen bedeuten: dass die Trennung von Innen und Außen eine Illusion ist, dass es eine
Illusion ist, Zugehörigkeit und Ausgeschlossensein eindeutig voneinander unterscheiden zu
können? Der Ball verlässt das Spiel des Mädchens nicht, obwohl er sich außerhalb der Bildblase
befindet. Und wir werden die Flötenspielerin hören, obwohl sie wie in einem Kokon von reiner
Selbstvergessenheit eingeschlossen ist, versunken im Spiel. Stör sie nicht in Deinem Wunsch,
zu ihr zu gehören. Hört ihr einfach nur zu.
Und was heißt schon freier Fall? Heben die Luftskulpturen nicht die Gesetze der Schwerkraft auf?
Ach ja, und sind da nicht zwei Hände, die mich halten, wenn ich falle, oder wenn ich fliegen
lerne? Halt, schon wieder falsch, es sind nur weiße Handschuhe, sind sie etwa ein anderes
Zeichen für Gott als Butler, im Dienst aller Menschen, die Ungewöhnliches wagen? Oder falle ich
gar nicht, weil ich jederzeit wie eine Marionette an Fäden gehalten werde?
Lassen wir uns also beruhigt auf die Verrücktheiten ein, dann erfahren wir fantastische
Geschichten, vor allem Geschichten über uns selbst. Verlassen wir einfach mal Seh- und
Denkgewohnheiten, weiten damit unseren Blick, unser Verständnis, dann lernen wir neue Gestalten
auf unserer Lebensbühne kennen. Wie in einem der Luftskulpturen: Vorhang auf. Es gibt keine
andere Zukunft.
Copyright Rose-Marie Bohle
|
 |
|
|