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Rose-Marie Bohle: LICHT und LEUCHTEN -
Rede zur Ausstellungseröffnung "Lichtobjekte" der Lichtdesignerin Astrid Waltenberg am 10. November 2002 in der Galerie Alte Pfarrei Niederurrf

 
(Fotos einiger Lampen finden Sie in der Galerie in www.waltenberg-licht-design.de)

Meine Damen und Herren,
 
wenn alles das, was als Licht erlebt wird, dasselbe wäre, wäre unsere Welt um vieles ärmer. Es gäbe nicht seit Jahrhunderten die unzähligen Versuche von Menschen, Licht zu beschreiben oder zu bejubeln, es in rhythmische Reime zu fassen, es zu malen, in der Fotographie einzufangen, es zu besingen, zu analysieren, es künstlich zu erzeugen und zu ersetzen, es sich gefügig und nutzbar zu machen. Es ist eins der ältesten und größten Forschungsobjekte naturwissenschaftlichen und philosophischen Denkens, es ist höchste Inspirationsquelle und Lehrmeister der Malerei, es ist ein großes Thema der Literatur und der Dichtung und es dient nicht zuletzt als Metapher überall dort, wo es um Seelenbereiche und die großen Wege der Erkenntnisse geht. Lassen Sie mich nur wenige ganz kurze, mehr oder weniger zufällige Blitzlichter auf diese unterschiedlichen Wege werfen, bevor ich über das spreche, worum es heute geht: über Waltenbergsche Lichtblicke.
 
"Es ist unser Licht, nicht unsere Dunkelheit, die uns am meisten Angst macht. (...) Es ist nichts Erleuchtetes daran, sich klein zu machen, damit andere um Dich herum sich nicht unsicher fühlen. Wir sind bestimmt zu leuchten, wie es Kinder tun. (...) Und wenn wir unser eigenes Licht erscheinen lassen, geben wir unbewußt anderen Menschen die Erlaubnis, dasselbe zu tun." Sie haben es vielleicht erkannt, es ist ein Text von Nelson Mandela, im dunklen Kerker geschrieben.
 
Oder nehmen Sie Camus‘ "Hochzeit des Lichts", ein atemberaubender Text über die Heimkehr nach Tipasa, der algerischen Ruinenstadt. Lesen Sie in Christoph Meckels Liebesgeschichte, die "Licht" heißt: "Manchmal wache ich auf, wenn es draußen hell ist, sagt Dole. Ich habe keine Vorstellung, wo ich bin. Ich begreife, dass das Licht vor mir da war, es ist zurückgekommen und älter als ich. (...) Ich bin es, du bist es, es ist ein Morgen im Sommer, es ist das Licht, das lebendige, reine, wunderbare, unzerstörbare, betörende, ganz und gar unbegreifliche Licht, es ist der Anfang eines neuen Tages, wir atmen und sehn uns an, wir geben uns unsere Namen zurück, wir berühren uns und können uns lieben, wir denken an das Frühstück und was darauf folgt, ein Tag im Sommer, gemeinsam und grenzenlos offen, das alles ist einzig." (75/6)
 
Das ganz und gar unbegreifliche Licht. Was er damit meinen könnte, habe ich verstanden, als ich ein Buch verschlungen habe, das mir Astrid Waltenberg vor ein paar Monaten schenkte. Es hat den Titel "Die gemeinsame Geschichte von Licht und Bewußtsein" und ist von einem Spezialisten für Quantenphysik geschrieben, Arthur Zajonc. Er versucht, die wissenschaftsgeschichtliche Abspaltung von Mythos und naturwissenschaftlichen Modellen über Licht zumindest in seinen Fragestellungen wieder zusammenzufügen. Ich möchte das hier natürlich nicht referieren, ich möchte es Ihnen nur ans Herz legen, weil es Dimensionen aufzeigt, die unser Denken überhaupt betreffen. Ich möchte Ihnen aber ein Zitat von Albert Einstein nicht vorenthalten, das er seinem Buch voranstellt, und das eben auch an die Romanstelle von Christof Meckel anknüpft: Einstein sagte 1951:
 
"Fünfzig Jahre intensiven Nachdenkens haben mich der Antwort auf die Frage 'Was sind Lichtquanten?' nicht näher gebracht. Natürlich bildet sich heute jeder Wicht ein, er wisse die Antwort. Doch da täuscht er sich."
 
Wollen Sie mal solch einen Wicht hören? "Schon heute diskutiert die sogenannte computer comunity ihren Abschied vom Strom in zwei möglichen Optionen. Als eine Option (...) zeichnen sich Quanten-computer ab, (...). Die andere Option heißt dagegen Licht. (,...) Ganz wie die Quanten zukünftiger Quantencomputer läßt sich Licht auch als eine Menge von Partikeln begreifen. Jedes einzelne Photon (in der Quantentheorie das kleinste Energieteilchen einer elektromagnetischen Strahlung, R.B.) könnte für eine digitale Eins stehen, jede Abwesenheit eines Photons für eine digitale Null. Wie einst bei Aischylos wäre der - diesmal allerdings verschwindend kleine und masselose Lichtpunkt schon das Signal (...) Eleganter als mit einem Photon pro Bit, pro binärer Informationseinheit also, läßt sich technische Kommunikation gar nicht codieren. Ohne in die unmögliche Rolle des Propheten zu fallen, scheint dem Licht als Information seine Zukunft noch bevorzustehen." (Friedrich Kittler, Von der optischen Telegraphie zur Photonentechnik, in: Mehr Licht, S. 66f)
 
Diejenigen, die jetzt abgeschaltet haben, bitte schalten Sie wieder ein, ich habe das auch nicht verstanden und ich frage mich, ob ich die Meldung über eine Explosion im All, die vor etwa zwei Jahren in der Zeitung stand, verstanden habe oder ob ich nicht einfach nur davon fasziniert war. Jene Explosion also, die vom größten optischen Teleskop der Welt in Chile beobachtet wurde, setzte eine Energie frei, pures Licht, das 11 Mrd. Jahre unterwegs war, bis es bei uns ankam. Ich habe große Hochachtung empfunden vor der Ausdauer des Lichts, ein wahrer olympischer Marathonläufer, mit einer Geschwindigkeit von 300 000 km pro Sekunde und das 11 Mrd. Jahre lang. Und noch dazu einer, der uns hinter das Licht zu führen vermag, denn das, was wir heute als Explosion wahrnehmen, ist schon vor 11 Mrd. Jahren geschehen und längst vorbei. Oder besser, wir wissen es ja gar nicht, ob es schon vorbei ist, denn was heute da oben passiert, werden die Menschen, falls es dann noch welche geben sollte, erst in 11 Mrd. Jahren registrieren.
 
Verstanden hat das mein armer Kopf eigentlich auch nicht. Aber er hat gemerkt, Licht und Raum gehören zusammen. Und gleich hat mein armer Kopf mir eingeflüstert, dass ich nicht sicher sein darf, dass das, was ich jetzt in diesem Augenblick bei rechtem Licht betrachte, auch jetzt hier bleibt und nicht schon im nächsten Moment vorüber ist. Ist das etwa dieses Fort-Da-Spiel unserer frühesten Kindheit, dieser Schrecken, wenn etwas verschwindet und diese jauchzende Lust, wenn es wieder auftaucht, ist das nicht die Faszination, Lust und Erlösung, die dem Licht anhaftet? "Wenn jemand spricht, wird es hell," sagt der Psychoanalytiker Lacan. Und wir haben gelernt, dass es immer nur eine bestimmte Zeit da ist, dann ist es fort.
 
Licht und Zeit gehören zusammen.
 
Wir können damit leben, weil wir dieses Spiel als Rhythmus erleben, der beruhigt und Wiederkehr verspricht. Da, wo der Rhythmus unterbrochen wird, werden alte ängste wach und Neugier, denken Sie an die Sonnenfinsternis vor drei Jahren, als Tausende gen Süden pilgerten, um sie total zu erleben. Mein bleibender Eindruck oben am Herkules, wo ich mit meinem Sohn in schöner kollektiver Aufgeregtheit stand, war die überraschung, dass mit der gruseligen Dunkelheit am hellichten Tage auch die Kälte kam.
 
Licht und Wärme gehören zusammen.
 
Licht und Leben gehören zusammen. Das Kind erblickt das Licht der Welt und solange sein Lebenslicht leuchtet, wirft er Schatten, über die er besser ab und zu springt als ihn zu verkaufen, will es ihm nicht so ergehen wie Peter Schlehmil. Manchmal sehen wir wieder etwas von dem Lebenslicht: wenn die Augen leuchten, wenn der ganze Mensch leuchtet. Liebe knipst den Menschen an.
 
Gott als der große Lebenslicht-Designer, nein, keine Angst, er ist kein wirklicher Konkurrent, er beliefert ja ein ganz spezielles Marktsegment, das nur ihm vorbehalten ist. Vorerst jedenfalls noch. Oder müssen wir schon sagen: bis vor kurzem noch? Er sollte das Monopol behalten, denn noch ist keineswegs der Beweis erbracht, dass die Menschheit mit der Ware Lebenslicht sorgsam umgeht.
 
überlassen wir uns Menschen doch unsere Schöpfung des Lichts. Nein, es scheint tatsächlich nicht die Faszination zu haben, die von dem natürlichen Licht ausgeht. Oder haben Sie schon einmal ein Hohelied des Kunstlichts gelesen? Eine Ode an den Strom? Nun, es kommt schon vor, dass man beeindruckt ist von einem ganzen Lichtermeer oder von einer opulenten Lichtregie oder einer light-show in einem Mega-Event. Aber ist es nicht eher die Faszination über das Machbare, das Beherrschbare?
 
Also das Licht kommt aus der Steckdose oder der Leitung, man kann es beliebig ein- und ausschalten. Man merkt ihm nicht mehr an, dass es eine der größten Zivilisationsleistungen war, die Dunkelheit zu vertreiben: zuerst mit Feuer, dann mit Kerzen und anderen gebändigten Feuerflammen. Geblieben ist der Sprachgebrauch, auch unser Licht brennt noch. Geblieben ist auch die Faszination des archaischen Feuers, die vor allem Kinder noch spüren: ob am Lagerfeuer oder am Kamin, die Lebendigkeit dieses Lichts dringt wirklich in die Seele und vielleicht kommt hier das Licht nach Hause und alles wird wieder gut.
 

Dass Augen wirklich Licht empfangen müssen, dass dieser Empfang gut vorbereitet wurde vom ersten Moment an, als Licht in die Augen fiel und die Wahrnehmung und das Bewußtsein formte, sozusagen die Empfangshalle möblierte - auch das erfahren wir in dem Buch von Arthur Zajonc. Blindgeborenen, denen durch eine spätere Operation ihre Sehkraft gegeben wurde, bekamen damit aber nicht ihr Augen-LICHT wieder, denn das wird im Gehirn angezündet, ein Prozess, der nur noch mit ungeheurer menschlicher Anstrengung ansatzweise nachholbar ist. Viele von solchen Menschen nehmen sich dabei das Leben.
 
Das – nennen wir es also mal: das äußere Licht muss also empfangen werden. Astrid Waltenbergs Lampen laden das künstliche Licht zu sich ein. Die unterschiedslose Voltenergie bekommt eine Ausdruckskraft, indem sie sich mit Materialien und gestalteten Formen verbindet. Ist Astrid Waltenberg nun eine Licht-Designerin oder eher eine Lampen-Designerin? Lampen-Designerin, das klingt eher oder besser das riecht eher nach einer fünfarmigen Deckenlampe aus dunklem Holz und gelblichen Glasschüsseln am Ende der Arme, Glühbirnen nach oben. Das muß die Stubenlampe meiner Kindheit gewesen sein, ich kann das nur vermuten, denn ich erinnere mich an keine einzige Lampe in meinem Elternhaus. Aber wenn ich an einem noch übrig gebliebenen Elektroeinzelhandelsgeschäft vorbeikomme und solch eine Lampe sehe, dann zieht sich etwas in mir zusammen, etwas, was sich nicht erinnern will.
 
Erinnern Sie sich an die Lampen Ihrer Kindheit? Nein, dann wurde es höchste Zeit, dass "Lichtblick" auf den Plan getreten ist. Denn Design ist ja auch Formung dessen, was man vorher für selbstverständlich gehalten hat und deshalb unserer Aufmerksamkeit entgangen ist. Ja, Astrid Waltenberg macht auch Hausbesuche, wenn es bisher am richtigen Licht gekrankt hat. Sie spürt mit Ihnen Ihre Bedürfnisse und Vorstellungen auf: Lieben Sie weiches oder konturiertes Licht, warmes oder kühles, haben Sie eine Vorstellung, von wo es kommen soll, möchten Sie Erinnerungsstücke, kleine Fetische, Liebesbriefe, Fotos, Urkunden, Haarlocken, Fundstücke ins rechte Licht rücken? Oder wissen Sie bereits genau, was Sie wollen, es aber nirgendwo bekommen? Wollen Sie dem Licht eher einen Hut aufsetzen wie bei der Lampe "Doris Day" ? Oder einen zarten Pelzsaum anziehen wie bei "Audry" – beides Lampen, die ihre Besitzerin gefunden haben und deshalb nicht hier sind. Oder bevorzugen Sie eine stachelige Igellampe /#40;die gar keine Igellampe ist, sondern eine Würmerlampe, genauer gesagt tummeln sich dort Glühwürmchen)? Wollen Sie das Licht in eine Federhöhle locken oder es fließend keusch umhüllen?
 
Astrid Waltenberg spielt mit den Materialien, platziert sie überraschend entweder am Schirm oder am Fuß. Bei allem Spielerischen ist diese Unterscheidung noch Tribut an die traditionelle Lampenform. Inzwischen hat auch das sich aufgelöst, wie sie an drei Lampen, oder sagen wir jetzt doch lieber Lichtobjekte sehen können: an der "Fundamental", in der das Licht von unten kommt, also aus einer Richtung, die nicht unseren Erwartungen entspricht – denken Sie dabei doch noch mal an unseren Empfangsraum im Gehirn. Ja und in dem "Lichtbild" und dem "Spiegelbild". Das "Lichtbild" wäre mit Sicherheit, wenn es in einem Museum hinge, Gegenstand unendlicher Erörterungen, die ich hiermit mal eröffne. Die Kunstliebhaber unter Ihnen kennen sicher das Bild von Magritte, auf dem eine Pfeife zu sehen ist. Das zu sagen ist schon falsch. Unten im Bild steht dann auch: "ceci n‘est ne pas une pipe". Es gibt eine Menge Abhandlungen darüber, die ich Ihnen aber jetzt ersparen möchte. Nur eine: Sarah Kofman machte klar, dass auf jenem Bild 'Pfeife' eigentlich zweimal vorkommt: als gemalte und als geschriebene! Aber beides sind keine Pfeifen. Astrid Waltenberg überspringt mit dem "Lichtbild" sozusagen die elementare Trennung zwischen Bezeichnung und Bezeichnetem – in dem Moment, wo dieses Lichtbild angeknipst ist, ist Licht LICHT! Selbstverständlich können Sie auch ein anderes Wort in Auftrag geben: "Dunkel" z.B., dann ist das Licht dunkel und das würde wieder neue Spekulationen eröffnen, z.B. über das Verhältnis von Licht und Dunkelheit.
 
Im übrigen finden Sie diese Lust an der direkten Beziehung von Bezeichnung und Objekt in vielen der Namen, die Astrid Waltenberg ihren Lampen gibt. Ob es nun die "Taschenlampen" sind oder das "High-light" oder der "Höhepunkt", Titel, die absolut wörtlich genommen und in Lampen übersetzt werden.
 
Wenn Sie Ihre Biografie nicht als Buch, sondern als Spiegelbild in Auftrag geben wollen, müssen Sie schon eine Menge von sich hergeben. Astrid Waltenberg hat das hier vorgemacht: Sie hat sich ein Lichtdenkmal gesetzt, mit Stoffen aus ihrer Lebensgeschichte, mit körperlichen, weich anzufühlenden, aber auch aggressiv spitzen Formen. Die vielbrüstige Roma, die herausfordernde belederte Domina, also Herrin des Hauses, die kindliche Kaufmannsladentüte. Oder sagen wir es neutraler: hier drängen sich am Rande Stationen eines ereignisreichen Lebens um eine Mitte, die kein Spiegel ist, also nicht zurückgibt, was ist, sondern unbestimmt bleibt, leer fast, eine unbeschriebene Fläche, die sich für eine mögliche Gegenwart und Zukunft bereit hält. Die Farben hinter dem Glas weisen zentralperspektivisch in die Tiefe, vielleicht in ein Geheimnis, das mal war oder das noch kommen wird, hier aber nicht präsentiert wird.
 
Kehren wir zum Schluss noch einmal zu ihren Lampen zurück. Astrid Waltenberg kreiert Lampen, die die Lebendigkeit, aber auch die versunkene Ernsthaftigkeit eines kindlichen Spiels ausstrahlen. Muscheln, Rosen, Steine, gerissenes Papier, Fell, Stacheln, alles darf sein. Aber schauen Sie, das Licht in ihrer Stele ist zweifellos erwachsen geworden. Aber es gibt auch die Lampen, die sich im übergang befinden: spielerisch noch, aber schon elegant und geheimnisvoll. Und es gibt diese weißen Lampen, die eine unberührte Eleganz und stille Erwartung ausstrahlen – eine perfekte Verkörperung der Hoch-Zeit des Lichts!
 
Dass das, was so leicht aussieht, ein Ergebnis langer Experimente ist, ahnt man natürlich nicht. Und auch die perfekte Funktionalität, auf die Astrid Waltenberg großen Wert legt, verschwindet hinter der kunstvollen Form.
 
Schauen wir uns noch zwei ihrer Lampen genauer an: Da ist diese Lampe, die wie ein Diaprojektor Folien zum Leuchten bringt. Man kann sie immer wieder verändern, indem man verschiedene Folien in die Seiten steckt. Jedes beliebige Lieblingsbild kann man auf Folie kopieren, auf das richtige Maß schneiden und einschieben, auch übereinander. Oder Sie nehmen es als Beziehungsbarometer (der Titel 6#34;wunderbare Wandelbare" legt das doch nahe) und schieben eine durchschaubare Nachricht rein oder einen morgendlichen Gruß: "Danke für diese wundervolle Nacht", oder eine message in a light-bottle. Und wenn Sie Single sind, nehmen Sie eine Selbstaffirmation, die die Wucht einer spontanen Erleuchtung hat, die z.B. mit "Ich darf ab heute für mich sorgen" beginnt. Ja, oder Fragen, deren Beantwortung ein Licht auf unsere Probleme werfen würde: "Warum habe ich ihn schon wieder angelächelt, obwohl er sich wie ein Mistkerl benommen hat?!"
 
Falls sich Ihr Unbewußtes stärkerer Kraftausdrücke bedient, können sie sie vorsichtshalber schwärzen, bevor sie sie in den Schirm schieben, denn dort würde die Frage in voller Blendung des Ich dastehen. Ich habe mich natürlich gefragt, wo denn bei dieser Lampe das über-Ich steckt. Vielleicht im Schalter, der ein- und ausschaltet. Demnach war es früher unerbittlich (früher war es noch ein Kraftaufwand, einen Lichtschalter umzudrehen), jetzt ist es schon etwas lautloser, man hört ja nur noch ein leises Klick, wenn sich das über-Ich einschaltet. Gänzlich unbemerkt kann es sich bei den Dimm-Schaltern einschleichen, diesem gleitenden übergang vom Dunkel ins Helle und zurück, da wäre auch Freud mit seinem Modell gescheitert.
 
Schauen Sie sich das über-Ich der erwachsenen Lampe an. Ja, ich meine diese hoch aufgerichtete Stele, glatt und poliert steht sie geradlinig da, eine Lichterektion. Sie ist für einen öffentlichen Raum gemacht, nicht für intime Privatheit. Sie müssen erst mal zu Boden gehen, da finden Sie einen kleinen runden Knopf mit einem Puschel drumherum. Ja Puschel, Gott sei Dank nennt Astrid Waltenberg das Puschel, das ist sozusagen noch die Erinnerung an die Herkunft ihrer anderen Lampen. In Waltenbergs Haus lagen dieser Stele noch Lichtboxen zu Füßen, ein ganzes Rudel, jede mit einem Geheimnis, das sie nur bei Licht offenbaren. Es ist wohl der erste designte Schalter an ihren Lampen. Natürlich wird sie jetzt keine über-Ich-Designerin, die ganze Analogie ist sowieso totaler Nonsens, aber da können Sie mal sehen, was in einem Kopf an Assoziationen und Wortspielereien losgetreten werden kann, wenn Sie sich Astrid Waltenbergs Lampen nähern. Lampen, die das Licht einladen und an Sie weitergeben, die aber auch, wenn Sie genau hinhören, Geschichten erfinden lassen, und lassen Sie sich nicht entmutigen, wenn Sie die Geschichten nicht gleich verstehen. Es handelt sich vermutlich nicht um diese Sache mit den Photonen, sondern um Geschichten, die sich erst dann im vollen Licht zeigen werden, wenn Sie es gar nicht mehr erwarten.
 
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
 
(Copyright: Rose-Marie Bohle)