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Rose-Marie Bohle:
Eröffnungsrede zur Ausstellung von Fotografien von Robert Baumgärtel in der Anwaltskanzlei Pfeiffer, Müller-Göbel, Schoeller, Ehret in Kassel am 16.3.2008

 


(weitere Fotos auf www.robaum-fotografie.de)
 
Meine Damen und Herren,
 
Wir mussten lange auf eine weitere Ausstellung warten – Robert Baumgärtel arbeitet gern über lange Zeiträume, ohne seine Ergebnisse anderen Augen auszusetzen. Das ist seiner ihm eigenen Zurückhaltung, aber auch seinem Perfektionsbedürfnis geschuldet - und wenn wir uns heute hier umschauen, dann können wir ja auch sagen, dass sich das Warten gelohnt hat.
 
Der Bagger – der Star der letzten Ausstellung - ist heute so gut wie nicht mehr dabei. Seine Oberflächen sind inzwischen verwittert. In einer Rückwärtsbewegung hat er all das wieder abgeworfen, was im Laufe seiner Zeit an Farbschichten an ihm hängengeblieben war. Und so lernen wir von ihm: Fortschreiten besteht nicht nur aus Wachstum, besser werden, klüger werden, reicher werden, sondern aus Verwandlung.
 
Die Menschen haben irgendwann mal angefangen, die Wiederkehr der Erde an einem immer gleichen Punkt im Planetensystem zu zählen, haben aufsteigende Zahlen daraus gemacht und sie Zeit genannt, haben Veränderungsprozesse mit der Zeitdimension gekoppelt – um so eine Möglichkeit der Planung, der Voraussehbarkeit und der Kontrolle zu bekommen.
 
Schneiden wir einen Baum durch, sehen wir seine Jahresringe, tatsächlich deutliche Zeichen seines Wachstums. Machen wir einen Schnitt durch einen Gletscher, durch Gebirgsformationen, dann sehen wir Schichten, die in großen Zeiträumen entstanden sind, sich aufgehäuft oder sich verschoben haben. Vulkane aber speien von Zeit zu Zeit ihr Innerstes nach außen, Schichten im Meeresboden sinken an einer Stufe und erzeugen riesige Wellen. Gletscher schmelzen, ein von der Zivilisation herbeigeführtes Verwittern.
 
Menschliche Wachstumsprozesse werden nicht in Jahresringen gezählt, werden auch nicht in Schichten gemessen. Wir Menschen durchwandern Stuf’ um Stuf’, wie Hesse in seinem berühmten Gedicht sagt. Robert Baumgärtel lehrt uns mit seinem Blick auf Gegenstände, dass nicht nur dem Anfang ein Zauber innewohnt, sondern auch den Momenten, in denen etwas aufbricht, sich alte Schichten zeigen, die bereits übertüncht oder versiegelt waren, in dem etwas längst überwunden Geglaubtes sich wieder zeigt. Seine Fotos offenbaren die Komplexität von lebendigen Prozessen, die nicht nur eine Richtung kennen – die nach vorn, die des Wachstums und des Neuen. Sie halten das Ergebnis unerbittlicher Metamorphosen fest, die im vollständigen Zerfall enden werden.
 
Es ist beinahe wie eine Metapher für diese Betrachtungsweise, wenn Robert Baumgärtel davon erzählt, wie er seine Objekte gefunden hat. Dem Bagger, der noch im Mittelpunkt der letzten Ausstellung stand, konnte er sich nur unter großer Anstrengung nähern – er musste dichtes dorniges Gestrüpp überwinden, einen festen Untergrund für sein Stativ bauen, musste Geduld aufbringen für den geeigneten Lichteinfall. Die Schienenfahrzeuge, die er für diese Ausstellung fotografiert hat, liegen ebenfalls in unzugänglichem Gelände – ja, sie liegen sogar auf verbotenem Gebiet. Dass Robert Baumgärtel trickreich legale Möglichkeiten gefunden hat, sie dennoch zu fotografieren, zeigt seine hartnäckige Leidenschaft, solche von der Zivilisation aufgegebenen Prozesse festzuhalten. Er geht ganz nah an den Eisenbahnwaggon, die Industrielok, die Gleisstopfmaschine heran, sucht sie nach Stellen ab, die seinen Herzschlag erhöhen, ja, er gerät in eine ganz eigene Aufregung, wenn er fündig geworden ist.
 

Diese Stellen sind in vielen Fällen so groß wie eine Briefmarke, manchmal haben sie die Größe einer Streichholzschachtel – und dennoch entdeckt Robert Baumgärtel in ihnen einen ganzen Kosmos voller Geschichten - Geschichten, Gestalten und Kompositionen. In der vielfachen Vergrößerung verraten diese Stellen nichts mehr von ihrer Herkunft – die Makrofotografien sind zu Bildkompositionen geworden von magischer, rätselhafter und Fantasie anregender Kraft.
 
Man kann, wenn man es denn will, in den Fotografien Gestalten sehen. Dann geht Fiete an Bord, ein kleiner Bär hinterlässt seine Spuren bergab, oder wir entdecken einen Spion, der nicht aus der Kälte, sondern aus einer Farbblase kommt. Der leichte Tanz des Phönix weht uns an und auf einer Fotografie entdecken wir Eierschalen, die uns in ihrer Gestalt an die kleinen Skulpturen der documenta-Künstlerin Bartuszova erinnern.
 
Aber man muss nicht unbedingt Gegenständliches in den Fotografien suchen. Der Rost erzeugt Metamorphosen mit einer künstlerischen Formensprache, die natürlich erst durch die Fotografien sichtbar werden. Strenge Linienführungen durch Aufplatzungen, an denen sich scharfe Schatten bilden, durch Rostpickel gestaltete Flächen neben glatten Oberflächen, Moos bewachsene Farbfelder, die sich an aufgewölbte plastische Formen anheften.
 
Ein Maler schafft mit Untermalungen, mit verschiedenen teils lavierenden Schichten einen Bildorganismus, Robert Baumgärtel findet das alles bereits vor. Es ist sein Blick, der das Bild macht, es ist sein gewählter Ausschnitt, der die Bildkomposition bestimmt und es ist natürlich auch sein technisches Können. Robert Baumgärtel hat mal gesagt, er male mit der Kamera.
 
Und er malt so, dass die ästhetische Kraft dieser Momentaufnahmen von Wandlungsprozessen sichtbar wird. Es ist eine Kraft, die aus seit alters her währenden Geschehnissen zu wachsen scheint, Ereignissen, aus denen Kontinente entstanden sind, Wandlungen, die sich im Verborgenen vollzogen haben wie auf dem Meeresboden, die in tiefen Höhlen stattgefunden haben, in denen Stalaktiten als übrig gebliebene Zeugen noch wachsen. In der Tat hat man bei manchen Fotografien den Eindruck, als seien sie aus großer Höhe gemacht worden oder innerhalb einer gigantischen Höhle, in der noch ein magischer Widerschein früheren Lebens in Form von zurück gebliebenen Eierschalen vorhanden ist.
 
Sie können den Verwitterungsprozess sogar in manchen Fotos verfolgen: da, wo eine alte Farbschicht noch in einem aufgerissenen Bogen haftet, ist im nächsten Foto die alte türkisfarbene Schicht frei gelegt. Auch sie ist nicht mehr unversehrt, denn der Rost hat sie angefressen und ihre glatte Oberfläche zerstört. Sie haftet nun wie kleine Kristalle an ihrem Untergrund, eine Frage der Zeit, wie lange sie sich noch wird halten können. Türkisfarbener Lapislazuli, von tiefroten Gewürzen und safrangelben Weihrauchplatten umgeben – eine „schamlose Schönheit des Vergangenen“, wie es bei Christina von Braun heißt.
 
Wie ein Schutz legt sich das Übrige um diese Stelle, wie ein Tor, das Tor einer Kathedrale aus einer Schicht, die sich verselbstständigt hat durch Wind, Feuchtigkeit und Hitze. Wir können die Prozesse einer fortschreitenden Verwitterung in den Fotografien mit erleben, Robert Baumgärtel ist der Dramaturg, der sie in Szene setzt. Die Fotografien erreichen uns als Betrachtende, weil viele Stellen uns an etwas erinnern mögen, an eine große rote Wunde, an die Intensität von großen Glücksmomenten, an magische Momente bedeutungsvoller Entdeckungen. Sie rühren aber auch an die Trauer über den Verlust einer Eigenschaft oder einer Person, die mit uns wie in einer Schicht verwachsen war, zu unserer Geschichte gehörte. Und so lösen seine Fotografien ganz unterschiedliche Reaktionen aus: Neugier, Faszination, aber auch Abwehr und leises Erschrecken.
 
Proust schließt seine Suche nach der verlorenen Zeit nach viertausendeinhundertfünfundachtzig Seiten mit zwei Sätzen, die man auf literarischer Ebene als eine ROSTgeSCHICHTE lesen könnte: “Es kam mir nicht so vor, als werde ich stark genug sein, noch lange die Vergangenheit bei mir festzuhalten, die nun schon so weit hinunterreichte. Wenigstens würde ich, wenn mir noch Kraft genug bliebe, um mein Werk zu vollenden, in ihm die Menschen (…) als Wesen beschreiben, die neben dem so beschränkten Anteil an Raum, der für sie ausgespart ist, einen im Gegensatz dazu unermesslich ausgedehnten Platz – da sie ja gleichzeitig wie Riesen, die in die Tiefe der Jahre getaucht, ganz weit auseinanderliegende Epochen streifen (…) - einnehmen in der ZEIT.“
 
Wir selbst also befinden uns in einem ständigen Wandlungsprozess – und was wir hier erleben in den Fotografien, ist etwas Utopisches, nämlich dass jeder Moment, wenn wir ihn mit Baumgärtelschen Augen betrachten, seine eigene Kraft, Faszination und vielleicht sogar Schönheit hat.
Copyright Rose-Marie Bohle