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Rose-Marie Bohle:
"Am Anderen nach Hause kommen" -
Eröffnungsrede zur Ausstellung von Albrecht Letz in der
kirchlichen Aus- und Fortbildungsstätte in Kassel 2002
(Fotos der besprochenen Bilder unter
www.albrecht-letz.de)
Meine Damen und Herren, liebe Gäste,
Dieser erste Moment, in den Bann eines Anderen gezogen zu werden, die erste Phase
intensiver Zwiesprache, die am Anderen entsteht, dort aber gar nicht ankommen wird, das stille
Schauen und den Anderen einfach so sein lassen, ohne sich seiner zu bemächtigen, sei es
begrifflich oder in der Vorstellung - wenn Ihnen das in einer Ausstellung passiert, dann haben
Sie Ihr Lieblingsbild gefunden.
Wenn Sie also immer wieder hingehen müssen, um sich dem Geheimnis des Anderen auszusetzen, das
es ausstrahlt. Wenn Sie es vermissen, wenn sie es nicht sehen. Wenn Sie ruhig werden, wenn es da
ist. Ich werde also auch über Paare reden.
Ich habe vor einem Jahr zu den damaligen Bildern von Albrecht Letz gesprochen. Da ging es vor
allem um komplementäre Beziehungen, um Gegensatzpaare in einer polarisierenden Ordnung, um
zwei Hälften einer als Einheit gedachten und zusammengefügten Figur. Als ich diese Bilder zum
ersten Mal sah, habe ich etwas Neues entdeckt, oder sagen wir, diese Bilder haben mir die Augen
für etwas Neues geöffnet: für eine Paarbeziehung, in der beide sich gestatten, die eigene
Wirkung am Anderen zu entfalten. Dadurch entstehen viele Geschichten, solange, wie diese
Paarbeziehung dauert.
Nehmen wir diese beiden Bilder („Hängend“ und „Tier“):
Auffällig ist gleich – im Unterschied zu seinen früheren Bildern, die Sparsamkeit der
Komposition. Eine zarte Geste einer Anordnung, die mich an ein Spiel erinnert: da liegen Formen,
die kann ich beliebig wie in einem Tangramspiel ausprobieren – und genau so experimentiert
Albrecht mit den Fundstücken. Der Untergrund und der Hintergrund ist behutsam, zartes Rosa,
eine hautähnliche Fläche, auf der das eingefügte Blei fast transparent wirkt. Oder umgekehrt,
der Hintergrund wirkt durch das kühle glatte Blei erst wie eine organische Haut, eins gibt dem
Anderen die Eigenart seiner Beschaffenheit.
Eine verletzbare Figur entsteht, eine Marionette
mit traurigen Knopfaugen. Der Kopf ist größer als der Leib, die Verbindung zwischen Kopf und
Körper ist aus einem anderen Material mit einer anderen Farbigkeit.Das Bild hat da sein
Aufmerksamkeitszentrum, in einer Verbindung, die die Trennung erst bewusst
macht. Es gibt hier nicht das Entweder-Oder, das ist die Grenze unserer zweiwertigen Logik.

Die Marionette war vielleicht mal an dem Stab aufgehängt. Das obere Stück hat da vielleicht mal
reingepasst. Nun ist der Stab rausgerutscht oder die Figur hat sich nach vorn bewegt, in
Richtung des anderen Bildes – das macht diese beiden Bilder zu einem Paar. Die Figur ist nicht
mehr gehalten, aber sie bleibt trotzdem oben. Eine Angst, aber auch ein Versprechen entsteht,
dass man nicht kollabiert, auch wenn der ursprüngliche Halt verlorengegangen ist. Wichtig ist
hierbei, dass der Stab am unteren Bildrand aufsitzt, d.h. selbst einen Halt hat. Es ist dieses
kleine Stück, das noch angefügt ist, es hat eine starke Verbindung zur Welt außerhalb des Bildes.
Der Halt ist für die Marionette nur materiell verlorengegangen, nicht von dem aus, was wir an
Spannung in dem Bild sehen: die Figur und der Stock bleiben aufeinander bezogen. Und so treffen
in diesem Bild zwei Arten von Verbindungen zusammen: eine hervorgehoben stoffliche und eine,
nennen wir es mal energetische. Vielleicht darf ich das mal an dieser Stelle einfügen, dass
die Geschichte der Wahrnehmung und Beschreibung des Nichtstofflichen eine der spannensten
Geschichten in der menschlichen Evolution ist. Wo Bewusstsein nicht hinreichen will, springt
die Kunst ein.
Hier geht Albrecht Letz zurück zu einer Einfachheit, die was Archaisches hat. Ein Zurückkehren
zu der Einfachheit und damit zu dem Vertrauen, dass nicht alles, was ich sagen und zeigen will,
bis ins kleinste Detail gesagt und gezeigt werden muss, damit es gehört wird, damit es in einer
sezierenden Welt Bestand hat. Zu dem Vertrauen, dass ich mich nicht bis ins kleinste Detail
zeigen muss, denn mein Gegenüber vervollständigt mich in seinem Bild. Ich gestatte es.
Auf wen richtet sich dieses Bild? Auf das links neben ihm. Auch diese Figur ist in sich schon
gedoppelt: Kopf und Rumpf, auch diese Figur hat eine immanente Trennung und Verbindung. Mit der
hält sie sich selbst im Gleichgewicht ohne einen Bezug auf ein Drittes. Es ist ein
ausbalancierendes Gleichgewicht, kein statisches. Die Figur füllt den Bildraum auf eine sehr
einfache organische Weise, die schwere Form unten, die gerichtete etwas kleinere Form oben.
Wenn der Kopf zu schwer wird, kann er sich auf den Rumpf legen, die Figur kann sich
zusammenfalten, der Rumpf hat Standfläche genug. Wenn sie sich wieder aufrichtet und sich der
Marionette zuwendet, bildet sich ein Bogen, der vom Hals des Tieres zum Stock der Marionette
führt. Das ist eine starke offene Verbindung.
Es könnte eine Induktionsliebe sein. Wenn der eine sich bewegt, springt es zum anderen über
und umgekehrt. Jeder ist ein eigenes ‚System‘, das ist die Voraussetzung. Wenn beide
stehenbleiben, ist die Verbindung unterbrochen.
Ein Paar sein: am Anderen nach Haus kommen. Nicht wirklich – es ist, als käme man nach Haus.
Das zu wissen, bewahrt die eigene Einzigartigkeit und die des Anderen.
„Und meine Seele spannte
weit ihre Flügel aus
flog durch die stillen Lande
als flöge sie nach Haus.“
Albrecht Letz hat diese 3. Strophe von Eichendorffs Gedicht „Mondnacht“ so berührt, dass er
dazu ein Bild machen wollte, wie er mir gesagt hat. Nicht diese beiden! Sehen Sie, das ist der
Unterschied zwischen einem Illustrator und einem Künstler. Albrecht Letz ist kein Illustrator.
Das Bild „Mondnacht“ mag zwar im unmittelbaren Zusammenhang mit dem Lesen des Gedichts
entstanden sein, aber ich denke, dass diese Strophe ihre Wirkung in anderen Bildern entfaltet
hat, ohne dass Albrecht Letz es gemerkt hat oder genauer, ohne dass er es wollte. Kunst machen
ist am wenigsten intentionales Handeln. Ich glaube, es ist die Fähigkeit, sich der Wirkung von
etwas hinzugeben, das ich nicht selbst kenne, das durch mich aber einen Ausdruck findet.
Insofern ist Kunst eine Schwester der Liebe.
Aber gehen wir doch zur „Mondnacht“:

Lassen Sie mich vorausschicken, dass ich den Titel und den Anlass des Bildes nicht kannte, als
ich es zum ersten Mal betrachtete. Ich will Ihnen sagen, wie ich es gesehen habe:
Am Anfang stand nur die Faszination von einer kleinen Einzelheit. Es ist dieses mittelgroße
Stück Blech, das schräg links über der runden Form vorm hellen Rechteck sitzt. Es ist
wunderschön in seiner Einmaligkeit, in seiner Farbigkeit und seinen Spuren, wie Falten und
Narben, Spuren der Alterung, die entstanden sind, als es Sonne, Wind, Regen und der Luft
ausgesetzt war. In Südafrika übrigens, denn die Blechteile, die Sie auf diesem Bild sehen,
sind alle aus Südafrika mitgebracht.
Diesmal nicht von Albrecht selbst, der, wie er sagt,
seine Stücke gern in den Schmuddelecken der Städte sucht, sondern von einer Verwandten, die
sie im Handgepäck transportiert hat – und auch nicht zufällig, sondern mit der festen Absicht,
sie Albrecht zur Verfügung zu stellen. Sie hat sich in Südafrika bereits gebückt, um ein Stück
eines potentiellen Kunstwerks aufzuheben. Oder sagen wir es so: Albrecht Letz‘ Bilder haben
den Blick derer verändert, sie sie gesehen haben. Der Deckel eines alten Fasses, Sparren,
verrostete Eimer verlangen plötzlich eine Aufmerksamkeit, sie werden neu gesehen in ihrer
Möglichkeit, Teil eines Kunstwerks zu werden.
Welt wird nicht nur durch fortschreitendes Bewusstsein und Taten verändert, sondern auch durch
anderes Sehen. „Einen Menschen zu lieben, heißt, ihn so zu sehen, wie Gott ihn gemeint haben
könnte.“ Dieser Satz von Dostojewski fiel mir wieder ein, als ich daran dachte, wie viele
Menschen sich inzwischen für Albrecht nach verrosteten Blechen bücken, weil sie sie so sehen,
wie Albrecht Letz sie als Künstler sehen würde, d.h. sie in den Rang eines Kunstwerks heben
würde.
Im übrigen muss ich gestehen, dass ich eigentlich nicht weiß, warum mich gerade dieses Stück
fasziniert. Ich weiß nur, wie es mich fasziniert: ich möchte einfach immer nur hinschauen,
ohne dass eine Geschichte entsteht, einfach nur, weil es wunderschön ist, ich will nichts
entdecken, höchstens etwas wiederfinden.
Das Stück hier ist ohne das ganze Bild nicht zu haben. Und da wird die ganze Unruhe wach, die
in diesem Bild enthalten ist: Andere Blechstücke stürmen auf mein Faszinosum ein, behaupten
sich im hellen Durchblick, die große runde Form schafft es nicht, das Ganze zu ordnen, also
wird es noch mal durch einen starken dunklen Rahmen zusammengehalten, der ist aber gar nicht
so stark, also wird er noch mal durch eine kleine Schräge im Bild gehalten, das ist aber wieder
übermalt, damit es nicht so auffällt, eine unruhige Mondnacht, in der der Mond aussieht wie ein
Totenschädel und das Objekt meiner Anziehung aus dem starken Mittelfeld der hellen Flächen
ausbricht. Aber nicht so weit ausbricht, als dass es noch den Widerschein der geweißten Fläche
des Mondes bekommt. Es ist nicht herauszutrennen, auch nicht durch mein Sehen, es ist nicht
ohne das Ganze zu haben. Und natürlich hat auch das sehr viel mit Liebe zu tun.
Gehen wir zu einem anderen Paar. Im Unterschied zum ersten hier besprochenen Paar fällt auf,
dass beide Bilder unterschiedlicher nicht sein können. Hier würde ich sogar behaupten, dass
das eine kleine Bild allein existieren könnte, das andere aber noch nicht. Aber nehmen wir es
als Zusammengehörige. Im linken Bild noch ungestaltete Fläche. Ungestaltet in dem Sinne, dass
es noch nicht seine Einzigartigkeit herausgebildet hat. Das muss nicht heißen, dass es eine
Ordnung haben müsste oder etwas, was man identifizieren könnte. Es bleibt einfach unbestimmt.
Im rechten Feld ragen kleine Formen heraus, für sich genommen auch keine charakteristischen
Formen. Es sind Abfälle, bei Neuverlegungen von Straßenbahnschienen werden die Schienen
entgratet, das sind diese kleinen Teile. Sie sind so angeordnet, als wollten sie aus dem
Unbestimmten heraus an den Bildrand oder ins nächste Bild. Dabei nehmen sie noch Spuren ihrer
Herkunft mit: die rote Farbe zieht mit nach rechts. Und wenn Sie so wollen, sehen wir einen
schwachen Abglanz der geröteten Fläche auf dem Hintergrund des anderen Bildes. Es ist natürlich
unzulässig, so etwas zu sagen, genau so unzulässig wie die Behauptung, dass die kleinen
rostigen Formen im Gelenk der rechten Figur im rechten Bild landen werden. Unzulässig, weil
es von Albrecht Letz nicht so angelegt war.
Aber es ist vielleicht so wie mit dem Magnetismus: Eine Anziehungskraft, die erst bemerkt wird,
wenn sich zwei Materien einander nähern, die aufgeladen sind – oder eben, von denen nur eins
aufgeladen ist und das andere die Eigenschaft hat, sich anziehen zu lassen. Das rechte Bild ist
aufgeladen. Deshalb kann es dem Linken eine Ordnung geben. Ich will jetzt nicht auf diese
wunderschönen Einzelstücke auf diesem Bild eingehen, ich will beide zusammen sehen, den
Rhythmus von auf und ab, der da entsteht, fast wie eine Wellenbewegung, aber auch die Störung,
die Gefahr der Verletzung durch diesen dünnen Strahl, der vor dem Eingang des Winkels Halt macht.
Die beiden Türme halten sich mühsam aufrecht, es ist eine fragile Konstruktion, aber gerade
deshalb fasziniert es. Der rechte Aufbau scheint schon wegzubrechen, man könnte meinen, deshalb
heisst das Bild der Sturz, aber es war anders gemeint, es war ursprünglich auf dem Kopf, waren
als zwei Beine gemeint, aber die Eindeutigkeit ließ kein Geheimnis mehr, deshalb stellte
Albrecht Letz es auf den Kopf. Deshalb der Sturz. Er hatte Recht damit. Manchmal muss man eine
andere Perspektive zulassen, damit es stimmiger wird. Oder damit sichtbar wird, dass es ein
Geheimnis gibt.
Ich würde gerne noch noch kurz auf zwei Bilder eingehen.
Das eine ist das Bild, das Albrecht Letz „Pendel“ genannt hat:
Lassen Sie mich mit dem Bildgrund beginnen: auch er ist nicht mehr gestaltet wie in seinen
früheren Bildern. Was aber nicht heisst, dass er unbearbeitet wäre. Im Gegenteil, er hat die
Oberfläche des Haftputzes aufgekratzt, eigentlich ein kraftvoller fast wütender Prozess, der
Spuren hinterlässt, so als wolle er in kurzer Zeit dem Material das aufprägen, was bei den
Fundstücken Einwirkung eines langen Prozesses war. Eines Prozesses, an dem am Ende die
„schamlose Schönheit des Vergangenen und Weggeworfenen“ steht, wenn ich das in Anleh
nung an Christina von Braun mal so sagen darf.
Albrecht Letz sagte mir, dass er dabei von den Wänden des Südens inspiriert wurde,
Terrakottawänden, die das üppige Licht aufnehmen, ohne zu blenden. Sie sind rauh, so dass
sich das Licht vielfältiger in ihnen bricht. Wenn Sie diesen Hintergrund ganz genau betrachten,
dann sehen Sie eine verhaltene, aber sehr lebendige Farbigkeit. Wände des Südens sind ja immer
auch ein Ausdruck der Wärme und Lebensfreude. Albrecht Letz bringt also nicht nur Fundstücke
von seinen Reisen mit, sondern auch Inspirationen, die einen Kern aus Sehnsucht haben mögen.
Vor der Wand steht, sie steht in diesem Fall wirklich, eine Figur. Ein Pendel, sagt Albrecht
Letz. Eine majestätische Form, sagt mein Auge, ruhig und majestätisch. Aufrecht und stark.
Mühelos vervollständigt sie das Auge zu einer Skulptur. Wenn wir den Lebenslaufsteg ablaufen
würden, dann würden wir sie im vermutlich in der Mitte des Lebens finden, nicht im Morgengrauen
wie die beiden anderen Figuren oder gar in der Nacht.
Sie steht etwas im Gegenlicht, dadurch wird die skulpturale Eigenwirkung der Fundstücke noch
verstärkt. Überhaupt ist das eine der deutlichen Veränderungen in den Bildern seit dem letzten
Jahr: die Fundstücke sind nicht Teil eines sie umgebenden Kontextes, der insgesamt durchgestaltet
ist, sondern entfalten eine ganz eigene Wirkung.
Man geht nicht mehr im Bild spazieren, folgt Linien, geht von einem Farbfeld ins nächste,
sondern das ist mit einem Mal da, es steht wirklich da und kommt einem fast entgegen. Eine
klare Komposition, die nicht mehr erfasst werden muss, wenn Sie so wollen. Sie strahlt eine
ungeheure Selbstverständlichkeit aus, auch wörtlich zu verstehen, ich stehe hier selbst, schau
mich an oder auch nicht, ich werde nicht durch dich, ich bin bereits da. Ich bin schon zwei.
Meine Farben braun und blaugrün wiederholen sich im Stand und im bewegenden Teil. Nein, nicht
wiederholen, denn die rauhe Oberfläche im Pendel lässt die Farben anders wirken als die glatte
hier unten. Manchmal, wenn das Pendel zurückschwingt, bin ich wieder eins. Eine Induktionsliebe
in mir selbst.
Wissen Sie, sagt es, ich kann hier so selbstgenügsam stehen, weil ich andere Bilder im Blick
habe. Ich schaue z.B. seit Tagen auf diesen Nachtvogel dahinten, Albrecht Letz nennt ihn
Nachtvogel.
Es könnte doch auch ein Engel sein, ein Engel mit geschundenen Flügeln, er fliegt
schon lange, er wacht schon lange, stemmt fest seine Flügel zur Seite, dieser tapfere
Vogelengel mit seinen bröckeligen Flügeln, Schutzengel, der genau in der Mitte steht vor einem
Kreuz – und bildet doch in sich selbst auch ein Kreuz. Er taucht von unten in ein bläulich-rotes
geweißtes Licht ein, ein vorgeburtliches Licht, taucht aus der Nacht auf in einen zarten
Sonnenaufgang.
Hier ist mein Laufsteg wieder am Anfang eines Tages angekommen. Und auf dem ganzen Weg habe ich
im Grunde das Echo nur einer einzigen Frage gehört: Wie bringt ein Mensch sich mit dem zusammen,
was er liebt?
Copyright Rose-Marie Bohle
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