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Rose-Marie Bohle: Eröffnungsrede zur Ausstellung "Kindheitserinnerungen" in der Kunstwerkstatt Kassel am 26. Juni 2006

Meine Damen und Herren, liebe Kunstfreundinnen und Kunstfreunde,
 
wenn wir uns bewegen, schwinden die Eindrücke. Das bedeutet, dass wir innehalten müssen - und sei es auch nur einen winzigen Moment, damit ein Geruch, ein Gegenstand, eine Stimmung, aus der Zeit zurück transportiert wird, um uns als vertrautes Ereignis wieder zu erreichen. Es ist nicht mehr dasselbe, es ist die Erinnerung.
 
Das mit der Bewegung ist ein merkwürdiges Gesetz seelischer Schwerkraft. Es ist die große Chance für Menschen, vor allem für Kinder, dem zu entgegen, was ihre Seele noch nicht tragen kann, wir entfernen uns - wenn wir nicht daran gehindert werden - davon instinktiv so weit, bis wir wieder in Sicherheit sind. Kinder finden innere Wege, die sie gehen können, solange das meiste um sie herum noch einen fest gefügten Platz behält. Die Wege werden mit zunehmendem Alter schmaler.
 
Dabei ist es etwas Besonderes mit dieser Erinnerung. Wir können sie herbeiführen, innere Wege versuchen zurück zu verfolgen, uns Hilfsmittel dafür suchen, auch Begleiter. Aber dichter, weil unmittelbarer, berührt uns etwas, wenn es uns unerwartet trifft, der Moment bei einem Geruch, einem Film, einem Traum. Da kreuzt etwas unsere gebahnten Wege - hier entsteht Erinnerung. Wir können also ein ausgeklügeltes Navigationssystem einschalten, um in eine Zeit zurück zu gehen, wir können uns aber auch einem Autopiloten überlassen, der uns dahin führt, wo Bedeutsames in unserem Leben stattgefunden hat.
 
Was passiert, wenn sieben Frauen sich aufmachen, um auf ihrer persönlichen Landkarte zu oszillieren? Es geschehen viele unterschiedliche Prozesse, von denen wir hier nur einen winzigen Ausschnitt sehen. Denn, gestatten Sie mir bitte den Vergleich, wenn unser Darm - ausgerollt, schon die Größe eines Fußballfeldes hat, wie groß muss dann erst unsere Seele sein, wo sie doch nicht nur den Inhalt einiger Tage zu verdauen hat, sondern den eines ganzen bisherigen Lebens?
 
Das mit dem Darm hat natürlich noch nie jemand ausprobiert, das mit der Seele ist hier in den letzten Monaten ein Stück passiert. Die Zwischenergebnisse sind Fundstücke, die meisten künstlerisch verarbeitet, andere ganz real, weil es sie heute noch gibt, 4711, Lockenwickler, Murmeln, immer wieder Nähgarn, eine Maske, Fotos, eine Puppe, Küchenmesser . Sie wurden in einen Kontext ihrer ganz persönlichen Erinnerung gestellt. Fast immer hat er etwas Konservierendes, bitte bleib jetzt, geh mir nicht wieder verloren, ich will dich dann hervorholen können, wenn ich es brauche.
 
Erinnerung heißt, dass auch im Winter Rosen blühen können, las ich vor kurzem in einer Todesanzeige. Obst einkochen heißt, dass man auch im Winter Kirschen essen kann. Eingekochte Gegenstände stehen bei Martina Doll nicht im dunklen Keller, im Keller des Unbewussten, möchte man fast sagen, sondern auf einem Regal an der Wand, so als seien sie Gegenstände des täglichen Gebrauchs. Sie sind – bis auf die Uhren - durch ein hermetisch abgeschlossenes Vakuum haltbar gemacht. Wir wissen nicht, ob sie sie jemals wieder benutzen will, wir wissen nur aus Erfahrung, dass irgendwann die Gummiringe morsch werden und bei dem Versuch, das Glas zu öffnen, reißen. Dann lässt sich das Glas nur noch mit roher Gewalt öffnen.
 
Wir atmen auf: die Zeit befindet sich nicht in einem Vakuum, sie lässt sich als Abschnitte von Lebenszeit erinnern, die aber noch weiter in die Zukunft hinein reichen werden. Als ich ein kleines Mädchen war, beginnen alle ihre Geschichten in den kleinen Büchlein, von denen uns (und vielleicht auch Martina Doll) jeweils nur die erste Seite zugänglich ist, als ich ein kleines Mädchen war, habe ich ganz leise Krankenschwester gespielt, denn meine Mutter war sehr krank. Da ist eine Puppe in ein Glas gestopft. Als ich ein kleines Mädchen war, war die Zeit ein Riese, Sand dringt in das Getriebe der Zeit ein, als ich ein kleines Mädchen war, besuchte ich immer den Frisiersalon der Freundin meiner Mutter, da duftete es immer so gut, die Welt der Frauen passt nun in ein kleines Wandschränkchen.
 
Wenn unsere Mütter eingekocht haben, geschah das auch auf dem Hintergrund ihrer Erfahrung von großem Hunger, während des Krieges und auch noch in der Nachkriegszeit. Die Regale im Keller, voll von Obst und Gemüse, hatten etwas Beruhigendes. Bei Martina Doll geht es um eine andere Beruhigung. Die Inszenierung einer aufbewahrenden Ordnung ist für sie ein Gegengewicht für das Schmerzhafte in ihrer Kindheit. Die Begegnung damit hat sie nicht ausgespart. Es existiert schon so lange, dass sich bereits Staub darauf festgesetzt hat. Es hat ein großes Gewicht im Ensemble ihrer Erinnerungen.
 
In Geschichten wie in der Realität gehen Kinder von zuhause weg, schauen sich noch einmal vergewissernd um, die Mutter steht an der Tür oder am Fenster und winkt ein letztes Mal. Sie bleibt, wir gehen auf Neues zu. Wir können zurückkehren. In diesem Fenster ist es umgekehrt, eine ganze Lebens- und Generationenordnung wird dramatisch auf den Kopf gestellt: Martina Doll bleibt, die Mutter geht. So nah sie auch die Mutter in ihren Blick nimmt, am deutlichsten in der klaren Zeichnung, die nicht durch Verbandgaze verhängt ist, so bleibt sie doch entfernt in den anderen Ausschnitten, wird immer undeutlicher, bis zum Tod. Es war zu früh. Frau Holle schüttelt im Himmel die Betten aus, auch Mutters Bett ist dabei.
 
Als Erwachsene darf sie als Künstlerin wieder spielen. Denn Kunst und Spiel sind Blutsverwandte, sie sind, wenn sie gelingen, keinem zukünftigen Nutzen unterstellt. Martina Doll entzieht Alltagsgegenstände ihrem täglichen Gebrauch und macht Tiere daraus. Ein Esslöffel wird zum Frosch, eine Zuckerzange zum Zuckerfresser. Der Topf zum Einwecken wird zum Behälter, in dem frische Blumen stehen, nein, keine Angst, sie werden nicht eingekocht, er steht nun da, weil er seine Aufschrift eine andere Spielerei erlaubt – die mit Worten: "Weck keine schlafenden Hunde"
 
Das lehrt sie uns hier: Kunst ist - wie Spiel - vielleicht immer ein Gegengewicht zu einer seelischen Hungersnot. Und zugleich macht Kunst unseren Hunger erst deutlich - dann, wenn wir uns nicht satt sehen können.
 
Geht es bei Mechthild Krüger in ihrem Aufbewahrungssystem der Schubfächer um Konservierung? Es geht um mehr, sie entzieht es einem späteren Gebrauch, es geht um Versiegeln, um es aufzubewahren. Das alles war einmal. Es ist geschehen und vorbei. Das Versprechen auf der zerbrochenen gold umrandeten Tasse: auf ewig dein! Die dem Kind Furcht einflößende Maske, die noch nicht angebrochenen Garnrollen, angelegt als großer Vorrat. Wenn du mir Stroh zu Goldfäden spinnst, verrate ich dir, wer ich bin. Hat sie es herausbekommen? Durch wen konnte sie herausbekommen, wer sie ist? Da ist ein zerbrochener Spiegel, Kämme, komm her mein Kind, ich kämme dein Haar, du bist meine Schönste in meinem Land, nein, Mutter, du hattest keine Zeit für mich, ich bin ein Kind des Aufbaus nach dem Krieg. Die Versiegelung bekommt Risse, aber gerade deshalb kommt sie als eigenes Material ins Bewusstsein, als bewusste Tat, die aber nicht immer gänzlich gelingen kann.
 
Und warum habt ihr mir nicht geglaubt, dass ich gepfiffen habe, als dieses Kinderfoto gemacht wurde? Ich zeig es euch, ich vergrößere es, bis ich meinen Mund erkennen kann. Das wäre endlich der Beweis! So lange kann etwas nachwirken! Es kann zu einem auf das Lebensgebäude projizierten Bild werden, oder besser noch zu einem Fresko. Sie wissen, ein Fresko ist ein Bild, das auf frischen, noch feuchten Kalkmörtel aufgetragen wurde, auf eine noch feuchte Kinderseele. Von dem Frischen ist nichts mehr zu sehen, jetzt erscheint es abgeblättert, Mechthild Krüger hat diesen Effekt erreicht durch den schützenden überzug mit Wachs, den sie dann aber stellenweise wieder freigelegt, quasi dem nochmaligen Betrachten wieder ausgesetzt hat. Der malerischen Beweisführung stellt sie etwas zur Seite, was ihr weiteres Leben bestimmt hat: die Farbtöpfe und die Aufdrucke. Sind die Punkte Vergrößerungen des Mundes bis zur Unkenntlichkeit in bloße Pixel? Der Beweis kann nicht mehr erbracht werden, ihr hättet es damals glauben müssen!
 
Das da vorne bin ich. Bei den Kindern hatte ich meinen Platz, wenn auch in verschiedenen Positionen. Die Kinder wurden für das Gruppenfoto immer wieder anders aufgestellt, Mechthild Krüger zeichnet diese Bewegung in verschiedenen Versionen, mal skizzenhaft vage, mal eine gesichtslose Kinderschar, man spürt ihre Zusammengehörigkeit in unterschiedlicher Intensität.
 
Fotos helfen auf der Landkarte der großen Seele. Es sind Momentaufnahmen aus der damaligen Echtzeit. Sie in die eigene künstlerische Handschrift umzuwandeln, fügt ihnen eine Zeitstrecke hinzu, die die Frauen bis dahin durchlaufen haben. Auf dieser Zeitstrecke wachsen Bedeutungen oder sie nehmen ab.
 
Dass es auch bei Cornelia Scholz um eine Serie geht, mag uns sagen, dass die Momentaufnahme eine Bewegung des Erinnerns auslöst, weißt du noch, wie die Oma immer in den VW-Bus eingestiegen ist, wie sie das Bein mühsam anhob, ihre Tasche an sich presste, dort aufrecht im Auto saß, bis wir auf dem Marktplatz ankamen, jede Woche? Weißt du noch, wie begeistert sie immer übers Autofahren war? Cornelia Scholz liebte die Besuche bei den Großeltern in der Heidelandschaft, den Geruch der Moosflechten, den vielfarbigen Sand. Daraus sind die Sandbodenbilder gewachsen, so eng noch mit dem, woraus sie kamen, verwachsen, aber schon auf dem Weg zu einer künstlerischen Eigenständigkeit.
 
Ja, und weißt du noch, wie wir Pilze gesammelt, gemeinsam Früchte geschnitten, die Bickbeeren eingekocht haben?! Ach, was haben wir viel gemeinsam gemacht! Immer um einen großen Tisch herum haben wir gesessen, und weißt du noch… Es könnte immer so weiter gehen, bei uns allen, die wir über alten Fotos sitzen.
 

Und dann schleicht sich die Erinnerung ein an die Zeit, in der die Eltern schwach wurden, in denen man keinen Zugang mehr zu ihnen bekam, sie erstarrten, wie in Holz geschnitzt. Die Leichtigkeit der Aquarelle weicht ausdrucksstarken Bildern, die wie expressionistische Holzschnitte aussehen, hier dominiert ein erstarrtes eisiges Blau, stützende Linien als Umrisse von Körperteilen, eingebettet in leuchtendes Rot des Lebens und der Vergewisserung der Blutsverwandtschaft. Auch hier ist Tod mitten im Leben, verteilt auf zwei Generationen. Du wirst gehen und ich bleibe noch, deine Umrisse werden meinem Schatten ähnlich sein, wie weit ich auch von euch fortgehen werde.
 
So weit haben wir uns weg bewegt! Wie viel hat uns doch auf diesem Weg genährt, unseren Körper und unsere Seele! Früchte, Pflanzen, Blumen, Blumen auf dem Schulweg von Gudrun Hofrichter. Er führte durch einen Stadtpark, an einem Teich vorbei. Oft blieb sie dort stehen, verfütterte ihr Schulbrot an die Schwäne, kam zu spät zur Schule. Welch große Bedeutung die Blumen hatten, sieht man an deren Format, es sind Vergrößerungen, die man nicht übersehen kann, sie springen einem ins Auge, wie man so schön sagt, darin drückt sich dieses überwältigt Werden aus. Aber was lässt sich von all dem Schönen aus der eigenen Kindheit weiter geben?
 
Gudrun Hofrichter hatte während der Arbeit an den Kindheitserinnerungen einen wegweisenden Traum. Sie träumte, dass sie mit dem falschen Material arbeite, sie träumte, dass sie Butterbrotpapier verwenden müsse. Könnte der Traum darauf hinweisen, dass das, was uns so sehr erfüllt hat, dass wir es auch unseren Kindern geben wollen, nur uns gehört hat? Selbst das hat etwas Schmerzhaftes, denn Menschen, gerade auch Eltern, haben den Drang, alles weiter zu geben und es mitzuteilen. Aber muss nicht jede Generation wieder das neu finden, was sie nährt, auf ihrem Weg fort von den Eltern, im Wegdrehen vom Fenster?
 
Was können wir für uns bewahren? Dieses Bedürfnis hatten wir schon als Kinder. Wer hat nicht Blumen zwischen die Seiten eines dicken Buches gelegt, um sie zu trocknen und sie so zu erhalten. Aus der saftigen Blume wurde ein zartes zerbrechliches Gebilde, das in seiner Materialität eher einem Schmetterling ähnelte als einer Blume. Sie war transformiert. Gudrun Hofrichter presst ihre zarten Blüten zwischen zwei Plexiglasscheiben, nein, es sind keine Blüten, sie sind bereits transformiert, jetzt sind es kleine Kunstwerke.
 
Die mit leichter Hand aquarellierten Blüten sind nun auf den Butterbrotbeuteln, in das die Nahrung für ihre Kinder kommt. Ulrikes verführerischer Schulweg befindet sich jetzt auf der Verpackung der Schulbrote für ihre Kinder, schaut her, das gebe ich euch mit. Nehmt es auf, nährt euch damit und wandelt es wieder um in euer Eigenes. In eure Wege, in eure Geschichte und in eure Erinnerung. Eure Seele wird sich der Vorratskammern eurer Kindheit bedienen. Was darin enthalten sein wird, liegt nicht nur in unserer Hand als Eltern. Ihr seid nicht nur unsere Kinder.
 
Das hat auch Kerstin Cloodt erfahren. Aber es ist erst in der Erinnerungsarbeit wieder drastisch ins Bewusstsein getreten. Ich bin ein Kind des realen Sozialismus. Sie beginnt nicht mit einer Nahaufnahme, sondern mit Sehnsuchtsbildern: ich wollte immer schon nur weg, schon als ganz kleines Kind hat mich meine Mutter immer gesucht! Es muss, wenn wir uns ihre Panoramabilder anschauen, eine brennende Sehnsucht gewesen sein. Vielleicht tauchte sie auch besonders am Morgen auf, wenn die Sonne rot aufging, oder am Abend, wenn sie glutrot unterging, sich in den Pfützen oder Eis- und Schneeresten spiegelte.
 
Zwischen Morgen und Abend lag ihre Realität. Ich bin ein Kind des realen Sozialismus. Jetzt ist das plötzlich wieder da. Ganz konkret, sie holt Symbole und Parolen ins Bild. Auf Kacheln, die mit anderen zusammen ein Gesamtbild ergeben sollten. Aber wie können sie das, wo doch zuhause inbrünstig gebetet wurde?! "Frage nicht, wohin, weshalb, wofür", steht auf einer der Kacheln.
 
Möchte man als Kind angesichts dieser Verwirrung die Flucht oder lieber den Rückzug in eine hermetisch verschlossene Burg antreten? Um dann auf Rettung zu warten? Bitte hol mich hier heraus! überwinde mit mir die weite Ebene der Sehnsuchtsbilder, erklimm mit mir die spitzen Berge! Ein Ritter auf einem Pferd, vielleicht auch auf einem Esel, der an den schwachen Gaul von Don Quichotte erinnert. Hat der Reiter einen Heiligenschein? Oder grenzt er sich damit nur von dem Rot des Hintergrundes ab? Ist es hier der rote Himmel des Sozialismus? Er stürmt den Berg hinan, ein märchenhaftes Motiv der Rettung und Eroberung. Es ist ein Bild von großer auch ästhetischer Dramatik, denn hier ist entweder stürmische Bewegung oder vollkommene Statik, Stilisierung. Nur dieser Gaul im Mittelpunkt fügt sich dem nicht, er erregt Mitleid in seiner Ergebenheit. Vielleicht ist Kerstin Cloodt selbst der Ritter, sie "wollte nie eine Prinzessin sein". "Bei aller Liebe anders sein."
 
Durften wir ungestraft anders sein? "Blüh wie das Veilchen im Moose, bescheiden, sittsam und rein. Und nicht wie die stolze Rose, die immer bewundert will sein." Aber hat dieses Mädchen nicht gleichsam subversiv einen etwas schlappen Rosenstrauß unter den Spruch geklebt? Ulrike Link hat dieses Gedicht aus ihrem Poesiealbum gerissen, um es in eine Collage einzufügen, also in eine Form, in der Erinnerungen sich einen Weg bahnen. Sie hat in assoziativer Weise zusammenstellt, was große Bedeutung in ihrer Kindheit hatte. Auch hier eine stufenweise Vergrößerung des Selbstportraits, eine Selbstvergewisserung inmitten aller Ereignisse und Personen. Auch hier das Gruppenbild der Gleichaltrigen. Die Collage hat einen großen Wiedererkennungswert für andere Erwachsene, wer hatte kein Poesiealbum, wer liebte nicht Haustiere und Comics, wer erinnert sich nicht an die runde Schrift der ersten Schuljahre? Sahen nicht die Hochzeitsbilder unserer Eltern alle gleich aus?
 
Auch die assoziative Aufzählung: was ich mochte, was ich nicht mochte. Die Dinge ihres Kinderkosmos' waren eingeteilt in diese beiden Hälften, über allem lag Ergebenheit. Als Kind hatte man keine Wahl. Hol die Milch, und sie holte die Milch, obwohl sie die Hänseleien des Sohnes vom Milchbauern gefürchtet hat, jeden Tag, sie hätte sich am liebsten unsichtbar gemacht, auf dem Bild ist es ihr gelungen, da ist sie nicht drauf, nur die Milchkanne, ihr Henkel quietschte und so war auch der Versuch, sich - wenn schon nicht unsichtbar - so doch ungehört vom Hof zu schleichen, zum Scheitern verurteilt.
 
Warum habe ich nicht bekommen, was ich mir so sehnlich wünschte? Einen Teddy, ja aber einen anderen als den, den sie dann bekam, als ihre Eltern weg waren. Dann nimm mich doch, scheint dieser verloren blickende Teddy zu sagen, ich bin doch da, den anderen wirst du nie bekommen. Nein, tue ich nicht, in den Wünschen wenigstens bin ich frei!
 
Als Wünsche noch geholfen haben, das gab es nur in Märchen, die der Vater oft abends erzählte. Nicht nur erzählte, er inszenierte sie drastisch mit seinem Körper, das steht auf der Hälfte dessen, was sie mochte. Feuchte Verwandtenküsse stehen auf der anderen Hälfte. Kommt mir nicht zu nah, wenn ich es nicht will! Dieser Wunsch hat nicht geholfen. Kinder sind ungeheuer tapfer.
 
Von Tapferkeit handelt auch die Geschichte, die Günnur Zeki im Winterbild erzählt: es geht um ihre neuen Winterstiefel , sie hängen im Vordergrund, denn als der Vater sie nach einem langen Fußweg gekauft hatte, durfte Günnur sie auf dem Heimweg noch nicht anziehen. Sie konnte vor eiskalten schmerzenden Füßen kaum noch vorwärts kommen, aber sie hielt durch. Noch ein Stück Ergebenheit, die durch die herzrote Liebe zu ihrem Vater gestützt wurde. Das Ereignis ist eingebettet in eine großzügig gemalte Landschaft, ihr Dorf in Mittelanatolien, wo es heftige Winter gab und heiße Sommer. Im Sommer machten sie oft Picknick, wie auf dem Sommerbild zu sehen ist, ein schmaler Wasserfall, zu dem alle anderen Kinder gehen durften, sie durfte nur schaukeln. Die Mutter fehlt auf den Bildern. Legt Günnur sich an deren Stelle, auf Mutter Erde? Oder liegt sie auf ihr, wird von ihr getragen? Wie es auch sei, hier, Mutter, du musst gar nicht tief graben, hier triffst du auf mich.
 
Es ist eine weibliche Figur mit einer großen friedlichen Ruhe, die sich einmal höhlenartig in den Untergrund und einen Strom einpasst, im anderen Fall nahe an das Dorf heranrückt, das sich in schützender Geborgenheit zusammenkauert. In ihrer übergroßen Herzhöhle bewahrt sie die Erinnerung an Szenen ihrer Kindheit. All das sieht sie - wie der kleine Prinz - mit ihrem Herzen, sie signiert ihre Bilder nicht mit ihrem Namen, sondern mit diesem Sinnesorgan. Man sieht nur mit dem Herzen gut.
 
Im dritten Bild herrscht eine impressionistische Heiterkeit, ein lebendig blauer Fluss trennt zwei Dörfer, im Vordergrund herzrote Blumen. Die Landschaft liegt im Licht, sie liegt da für sich selbst, nicht in einer Herzhöhle und nicht vervollständigt durch eine Geschichte. Sie hatte keine andere Bedeutung als die, dass sie in der Kindheit da war. Das ist das Erleben von Kindern, Kindern in rosa Kleidchen.
 
Günnur Zeki hat eine Stätte geschaffen, sie darf ankommen und ausruhen. Denn alles, was sie bekommen hat, ruht nun in ihrem Herzen. Vielleicht ist die Suche nach dem richtigen Platz aber auch nur vorübergehend zu Ende. Denn solange wir leben, bewegen wir uns – von etwas weg und auf etwas zu.
 
Meine Damen und Herren, das war die Bewegung der sieben Frauen, das Treiben auf der Oberfläche ihrer Lebensgeschichte, das Untertauchen in den Strom vergessener Gefühle und Sehnsüchte, die Begegnung mit Gemeinsamkeiten, das Zusammenfügen von vielen gegangenen Wegen zur persönlichen Heimat.
 
„Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.“ (Eichendorff)
 
Copyright Rose-Marie Bohle