zurück zum Archiv  
Rose-Marie Bohle: Rede zur Ausstellungseröffnung von "ROSTgestalten" - Fotografien von Robert Baumgärtel
am 16.11.2003 in der Praxisgemeinschaft Seipel & co in Kassel


(weitere Fotos auf www.robaum-fotografie.de)
 
Meine Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde,
 
ein Fotograf kann machen, dass unbelichtete Stellen der Seele Bilder empfangen. Dieser etwas pathetische Satz hielt sich hartnäckig, als ich viele Stunden vor den Fotos von Robert Baumgärtel saß, um Wörter zu finden, die die Entstehung und die Wirkung der Fotos angemessen beschreiben könnten. Aber es kam nichts, was angemessen gewesen wäre. Ich war zu sehr von dem, was ich da sah, fasziniert, ich wollte eigentlich nur schauen. Da standen die Fotos in ihrer ganzen Fülle vor mir und ich bin hin und her gegangen mit meinen Augen, ich entdeckte ständig Neues, machte mir seitenlang Notizen über ein winziges Rostloch oder über Kompositionen, in denen die Schwerpunkte nicht im Mittelpunkt liegen, über harmonische Farbklänge und über prägnante Linienführungen durch aufgebrochene Farbschichten. Nein, das war es alles nicht, all das war nur Stammelei, was wirklich da war, war der unbändige Wunsch, nichts sagen zu müssen, sondern nur schauen zu dürfen. Schauen, und es zulassen, dass sich Bilder einprägen, in diesem wörtlichen Sinne, einprägen, schauen und das Vertrauen wieder gewinnen , dass sich Welt auch ohne mein Zutun für mein Leben ordnen wird.
 
Immer, wenn mir Robert Baumgärtel Fotos zeigte, früher schon, habe ich diese Lust am faszinierten Schauen und dieses Erstaunen erlebt, was es für Fotos geben kann, Fotos, die Bilder sind, und ich hatte deshalb leichtsinnigerweise mal versprochen, dass ich, sollte er jemals eine Ausstellung machen, eine Eröffnungsrede halten würde.
 
Da saß ich nun und ich wollte nicht mehr reden.
 
Robert Baumgärtel kann machen, dass in unbelichtete Stellen der Seele Bilder gelangen. Unsere Augen das Objektiv, der Augenschlag der Spiegelschlag, lange Belichtungszeiten bei weit aufgerissenen Augen, aber was in uns macht, dass diese Bilder bleibende Eindrücke werden? Was sind die verschiedenen Entwicklerflüssigkeiten? Bei dem Menschen, der in den Fotos Gestalten sieht, bei dem, der nur Farben sieht, bei einem Dritten, der nur eine Stimmung spürt? Schwimmt in dieser Flüssigkeit Sprache? Die, die sich nach dem Schauen bildet? Sprache, um Bilder und Welt im großen Gedächtnisraum anzusiedeln?
 
Solche Gedanken sind mir niemals vor den Fotos von Bernd und Hilla Becher gekommen. Vielleicht erinnern Sie sich an die Unzahl von Schwarz-weiß-Fotos, auf denen Fachwerkhäuser zu sehen waren? Ich erwähne sie, weil ich mir keinen größeren Gegensatz bei gleichzeitiger großer innerer Nähe zu den Fotos von Robert Baumgärtel vorstellen kann: dort reine Dokumentation, absolut sachliche Darstellung. Dass es das Ding an sich nicht geben könne, ist von den Bechers sinnlich widerlegt.
 
Hier in Baumgärtels Fotos ist kein Ding zu erkennen. Nicht mal Anhaltspunkte für Größenordnungen, kein Hinweis auf eine Inszenierung, auf einen Ausdruckswillen des Künstlers, auf eine Lust an effektvoller oder atmosphärischer Darstellung. Robert Baumgärtel hat lediglich etwas entdeckt, was so bleiben darf, wie er es vorgefunden hat. Warum sage ich lediglich, wo es doch anstrengende und wirklich einmalige Akte sind, so etwas zu tun? Weil wir es nicht mehr gewohnt sind, dass im digitalen Zeitalter Dinge nicht mediengerecht inszeniert oder deren Darstellung manipuliert werden.
 
Diese Fotos hier sind ein Ausdruck eines absoluten Respekts vor den vorgefundenen Dingen, Respekt vor allem vor Veränderungs- und Verwitterungsprozessen, Ehrfurcht fast vor zufälligen Metamorphosen, die ein natürlicher Zerfallsprozess hervorruft. Aber wie entdeckt Robert Baumgärtel diese Dinge?
 
"Bei bestimmten Lichtverhältnissen ist Robert wie ein energetisches Glühwürmchen", sagt seine Frau Gabriela Schweigler, "er muss dann raus." Er geht frühmorgens los, mit seiner Ausrüstung, dick eingemummt in Jacke und Stiefel, hat Betongehwegplatten, Heckenschere und Säge dabei, es ist bitterkalt, schon wieder ist sein Objekt ein Stück weiter von Brombeerhecken eingewachsen, er kämpft sich durch, schneidet sich den Weg frei, das kann Stunden dauern, bis er auf Augenhöhe mit dem Bagger ist. Sich darauf einzulassen, kostet ihn jedesmal Überwindung, sagt er.
 
Was macht ein Fotograf, wenn er sein Objekt so lässt, wie es ist. Was macht er denn dann noch? Was ist dieses "lediglich"? Ein Fotograf wählt sein Objekt aus, den Bildausschnitt, die Perspektive, wartet auf das richtige Licht, wählt also den Zeitpunkt aus, wählt die Entfernung und den Standort aus, und er bestimmt über den Maßstab. So viele Variablen, die in der Entscheidung von Robert Baumgärtel liegen, wenn er mit dem nassen und holprigen Untergrund kämpft, wo er keinen festen Halt für sein Stativ findet, einen festen Grund mit Betongehwegplatten bauen muss, wo er eine gerade noch konstruierte Halterung aus kleinen Aluminiumrohren aus der Tasche holt, in die er die Kamera einbaut, damit die Schwingung vom Spiegelschlag das Foto nicht verwackelt. Heute ist es ein nur briefmarkengroßer Ausschnitt, der ihn in seinen Bann gezogen hat, deshalb muss alles messerscharf sein, damit das Foto Vergrößerungen zulässt. Dafür braucht es eine lange Belichtungszeit, denn bei Vergrößerungen geht viel Licht verloren. Das ist hier in rauher Natur vor allem ein technisches Problem. Unschärfe aber ist ein wirkliches Greuel für einen Fotografen.

Sie sehen also, Faszination ist nicht nur ein erhebendes Gefühl in der Position des Zuschauers. Faszination kann der Motor für harte Anstrengung sein. Ich muss an den Prinzen denken, der sich durch die Dornenhecke kämpft, weil er von etwas fasziniert ist, das er noch nicht kennt, oder gerade weil er es noch nicht kennt, von dessen Eigenwirkung er aber überzeugt ist, er muss sie nur einfangen, und nicht nur einfangen, sondern auch vergrößern. Weil er nicht nur überzeugt ist, sondern auch ganz davon erfüllt ist. Das ist die Größe. Das ist sein Schöpfungsakt.
 
Baumgärtel geht immer wieder hin zu diesem Bagger, der dort vor sich hinrostet, jedes Mal betet er, dass da noch da sei, und jedes Mal findet er neue Veränderungen, die der Verrottungsprozess durch Wind, Sonne, Kälte und Regen hervorgerufen hat. Und er entdeckt neue Ablagerungen, Winzigkeiten, feine Spinnweben, Eiskristalle, Samenfäden, neue Aufbrüche der Farbschichten, neue Krater, die der gefräßige Rost gemacht hat.
 
Er selbst fühlt sich inmitten der dornigen Zuwachsungen in seinem Entdeckungsprozess vor Blicken geschützt, das ist wichtig, es ist ein fast intimer Prozess, die Stellen abzulichten, die ihn faszinieren. Ein Zustand höchster Konzentration. Es ist kein voyeuristischer Akt, sondern ein Akt der Aneignung. Keine Inbesitznahme, sondern ein Schöpfungsakt, der genau diese Stelle da in ihrer ganzen Schönheit und Ausstrahlung zum Ausdruck bringen will. Es sind unscheinbare Stellen, die er da sieht. Aber er sieht einen ganzen Kosmos in diesen Stellen. Schon in diesem Moment weiß Robert Baumgärtel, dass es kein 1:1 – Foto sein wird. Es wird das Ergebnis von zigfachen Vergrößerungen sein, die das Gesehene von dieser Realität da ablöst und zu einem eigenen Kunstprodukt macht: zu einer Fotografie mit einer ganz eigenen Faszination.
 
Es gehört zur Arbeitsweise von Baumgärtel, dass er niemals eine nachträgliche Bildbearbeitung macht. Das wäre inzwischen technisch möglich, auch so, dass man es nicht merkt. Das, was Sie hier sehen, ist so fotografiert. Die einzige Veränderung, die er sich ab und zu gestattet, ist Bildbearbeitung vor dem Fotografieren: ist das Besprühen des Objekts mit Wasser, um die Farbwirkung zu intensivieren. An manchen Fotos können Sie das erkennen.
 
Ich bin vielleicht ein Maler mit dem Fotoapparat, sagt Robert Baumgärtel, ich stehe auch vor der Natur, nicht mit der Staffelei, sondern mit dem Stativ und dem Fotoapparat, ich wähle auch den Lichteinfall und das Objekt aus, den Bildausschnitt und die Perspektive. Ich muss mir das Motiv nicht ausdenken, ich gehe mit einer frei fließenden Aufmerksamkeit zu dem, was ich vorfinde. Plötzlich sieht er einen Ausschnitt, der alles zu enthalten scheint, was ihn erst mal einfach nur glücklich macht, es gefunden zu haben: Spannung, Harmonie, abstrakte Formen, die einfach nur schön sind, weil sie das Ergebnis eines zufälligen Verfallsprozesses sind. Müllromantik interessiert ihn nicht, es geht ihm nicht darum, das Klischee vom alten Boot mit abbröckelnder Farbe zu reproduzieren. Vielleicht geht es darum, dass Dinge eine eigene Ästhetik bekommen, wenn sie sich schon längst von ihrem ursprünglichen Zweck und ihrer ursprünglichen Bedeutung entfernt haben, ja, wenn davon gar nichts mehr in ihnen steckt.
 
Gibt es überhaupt noch zufällige Metamorphosen eines Verfalls, den der Mensch nicht aufhalten will? Seitdem Baumgärtel diesen Bagger zufällig gefunden hat, ist er gezielter auf der Suche nach anderen Objekten. Bis jetzt hat er bei Tausenden von Tonnen Schrott nichts Vergleichbares gefunden, was an diesen Bagger herankommt. Es sind die unbeachteten Stellen, die er sucht, er wartet, wie er sagt, auf den Stups, den seine Seele bekommt, wenn er etwas wirklich Neues sieht.
 
Ein Fotograf kann machen, dass etwas rein sachlich erscheint, majestätisch, unscheinbar oder rätselhaft, stimmungsvoll oder aufregend, lebendig oder erstarrt. Es enthält dann immer etwas von seiner Deutung dessen, was er fotografiert. Oder von dem Zweck, den das Foto erfüllen soll. Hier, in diesen Fotos sehe ich nichts davon. Sie haben einfach eine ungeheure Präsenz. Es sind keine Schnappschüsse. Sie sind das Ergebnis eines Verlangens, Dinge neu zu sehen und diese Möglichkeit zu präsentieren. Dinge in einer Weise zu sehen, die mit dem Begriff der Nahaufnahme sehr treffend ausgedrückt ist: ganz nah geht er heran, um sie in sein künstlerisches Experimentieren aufzunehmen. Aufzunehmen in ein eigenständiges Neues. Es sind eigene Kunstwerke geworden, an die man als Betrachter ebenso nah herangehen sollte, wie Baumgärtel es getan hat. Nah herangehen an diesen Kosmos von Formen und Farben und sich darin treiben lassen.
 
Wenn man will, kann man Gestalten in den Fotos entdecken. Da ist der kleine Schneck, da ist die geheimnisvolle Muschel, da sind ganze Kontinente, ein Tierkopf, eine Wunde, Herbstlaub. Es gibt keine verschiedenen Bildebenen, keinen Vorder- und Hintergrund, keine Szene, ich will sagen, wenn es Gestalten sind, dann sind es Phantasiegestalten, die Lust am Identifizieren oder am Fabulieren. Man kann aber auch bloß – und das nicht weniger lustvoll - an der sichtbaren Oberfläche bleiben. Auch wir gehen dann in Augenhöhe mit etwas, was aussieht wie Aufbrüche, Abblätterungen und Freilegungen, extreme Rauheit, Reste von glatten Flächen, scharfe ausgefranste Ränder, Gewebe von netzartigen Strukturen, Weichheiten von moosartigen Ablagerungen, Hängengebliebenes und Haftendes. Das alles hat in seiner Farbenpracht eine große Plastizität. Es sind Momentaufnahmen eines Prozesses. So, wie wir es hier jetzt sehen, existiert es schon nicht mehr. Der Bagger häutet sich weiter. Es sind Momentaufnahmen einer Achtung, einer an Selbstüberwindung geübten Achtung vor dem, was daliegt, Dornröschen darf weiter schlafen. Es teilt sich mir mit in dem Wunsch, nicht sprechen zu wollen.
 
Erst wollte ich sagen, die Fotos sind eine Liebeserklärung an Stellen der Realität, die unbeachtet vor sich hin existieren. Zu denen man erst durchkommen muss. Durchs Gestrüpp der Sträucher oder durchs Gestrüpp unserer Wahrnehmung. Jetzt denke ich, es sind Fotos, die diesen einen Moment vor der Liebeserklärung festhalten. Es sind die Dinge vor dem Kuss, oder genauer gesagt, es sind Fotos, die zeigen, dass es einen kurzen Moment gibt, der vor dem Kuss liegt. Augenblicke der Überraschung, des Ergriffenseins vielleicht, wenn ich über einen Berg komme und die unbekannte Landschaft liegt mit einem Mal vor mir, dieser Moment des Glücksgefühls, bevor ich meinen Fuß in die neue Landschaft setze und mich mit ihr verbinde. Dornröschen, endlich freigelegt, wie sie vor dem Prinzen liegt, nicht an sich, sondern nur für sich, noch nicht für ihn.
 
Ich hätte Ihnen auch gerne diesen Moment mitgeteilt. Aber dann hätte ich schweigen müssen. So habe ich wohl ein neues Dickicht von Worten um die Fotos herum errichtet. Aber ich hoffe, die Fotos scheinen noch durch. Und darum geht es vielleicht, vielleicht immer.
 
Copyright Rose-Marie Bohle