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Rose-Marie Bohle:
"...dann bräuchtest Du mich nicht als Meer"
Eröffnungsrede zur Ausstellung von Rosa Reichenbach in der Anwaltskanzlei Pfeiffer & co am 14.2.2007

(Viele der hier besprochenen Bilder sind in der Galerie in www.rosareichenbach.de zu sehen.)

Meine Damen und Herren,
 
manchmal muss man einen großen Schritt tun, um einem Lebenstraum näher zu kommen. Als Rosa Reichenbach 1996 in die Villa Süßmuth einzog, fand sie einen Ort vor, an dem alles mit Geschichte behaftet war. Wie konnte sie dort, in dem früheren Flachglasatelier der Glashütte Süßmuth, ihren Platz finden, wie konnte sie ihn füllen mit ihrer Handschrift?
 
Auf einem der Bilder, die hier hängen, läuft ein Mädchen oder eine Frau auf ein Haus zu, bevor sie es erreicht, muss sie eine Spalte überwinden, über ihr ein blauer Himmel, wie Kinder ihn malen, oben ein Strich, aber auch dieser Himmel endet jäh vor der Spalte. Unbekümmert macht sie einen großen Schritt, man weiß nicht, macht sie einen nächsten oder stoppt sie erst mal mit diesem großen schweren ausgestellten Bein? Ich denke, sie wird weitergehen, sie will zu dem Haus. Sie wird in die Spalte gehen, sich vielleicht bei den Bäumen aufhalten wie einst Eva, wird dann in die andere Ebene wechseln, auf der sich ihr Haus befindet. Sie ist nicht gut gerüstet für einen beschwerlichen Weg. Sie trägt ein leichtes Kleid, sie scheint es hinten kokett anzuheben, ein Perlonkleid der früheren Kinderjahre, luftig und bunt. Sie ist in so starken Vertrauen erweckenden Strichen gezeichnet, dass man weiß, es wird gut gehen.
 
Rosa Reichenbach fand in ihrem neuen Atelier in hohen Regalen noch Mengen von Glasresten vor. Sie waren von einer Beschaffenheit wie die, mit denen dort berühmt gewordene Kirchenfenster komponiert wurden. Die Transparenz und die Farbigkeit, aber auch das Fragmentarische der Glasstücke führte sie zur Fortsetzung ihrer Experimente mit Transparentpa-pier. Die Leichtigkeit und die Vorläufigkeit, die sie in ihren früheren Arbeiten mit ihrer Strichführung und dem Einsatz lasierend farbiger Flächen erreichte, fanden nun im Transparentpapier ihren Materialausdruck. Sie entdeckte aber noch weitere Möglichkeiten: Rosa Reichenbach zerreißt das Papier, lässt die Risse und Spalten bestehen, schafft durch andere stoffliche Mate-rialien wieder eine Verbindung, sie schichtet und komponiert die Papierfragmente zu einem Bild. Alles bleibt erhalten, nichts wird verdeckt. Das ist der behutsame Umgang mit Geschichte. Die Bilder, die sie so geschaffen hat, öffnen sich zum Raum hin und haben gerade darin eine intensive, aber unaufdringliche Präsenz.
 
“Transparentpapier zu schichten ist für mich ein ähnlicher Vorgang wie das Verwenden verschiedener Druckplatten“, sagt Rosa Reichenbach, „ nur bleibt der Vorgang durchsichtig. Gleichzeitig wird durch die Schichtung des Papiers Tiefe, Vorder- und Hintergrund sowie der Bildrhythmus und die Raumaufteilung bestimmt und transparent gemacht. Dieses unvollendete, aber in seiner Konsequenz fertige Bild erfordert einen Betrachter, der innerlich beweglich geblieben ist, der mit auf eine Traumreise geht.” (R.R. 2001)
 
Das Erdbeerbild, eines der erotischsten Bilder, die hier hängen, ist voll von diesen geschichteten Fragmenten. „Nehmt mich in eure mitte“, heißt es hier „und lasst mich gehen“. Nehmt mich in eure Mitte, aber haltet mich nicht fest, lasst mich ich selbst sein: die, die mit der Erdbeere tanzt, ihr habt doch auch die Erdbeeren schon im Kopf! „Ruhelos heiter ausschreitend erreichen wir neuland, das wir uneingezäunt dem vergessen überlassen,“ heißt es weiter. Nichts festhalten, nichts mitnehmen. Nehmt mich, der Lockruf der saftigen Erdbeeren hat nicht nur Kinski zum Stöhnen gebracht, auch hier verschmilzt die Erdbeere im visuellen Eindruck mit einem Frauenkörper, dessen Mitte sich darbietet. Nimm mich in deine Mitte, ich halte mich nicht fest.
 
Man kann einen Raum in Beschlag nehmen, um sich darin zu behaupten. Im Bild, in dem noch "kein Meister vom Himmel gefallen ist", ist das Haupt herausgeschnitten, die Frau reckt sich dennoch ihrer Krönung entgegen. Man kann auch einen Menschen beschlagnahmen. Rosa Reichenbach zeigt in ihren Bildern andere Möglichkeiten. Beinahe jede Figur hat ihr eigenes Raumstück. Das macht sie flexibel – sie können viele Kombinationen mit den anderen Raumstücken bilden, wer immer sich darauf befinden mag, in freiwilliger Hingabe und Bindung, lustvoll synchron, durch Leerräume getrennt, schmerzvoll wahrhaftig.
 
Nichts festhalten, keine Beschlagnahmung, das Gewesene und Gewordene durchscheinen lassen, andere Möglichkeiten transparent lassen, auch wenn es schmerzt, sie nicht ergreifen zu können. Denn auch dafür gibt es richtige Zeitpunkte. Manchmal muss man einen großen Schritt tun – nein, man muss überhaupt nicht, manchmal tun sich Abgründe und Leerräume auf, auf die man vorerst nur zulaufen und sie betrachten kann, auf diesem Stück Lebenstransparent, auf dem man sich selbst gerade befindet. Das Zerrissene in unserem Leben ist da, es fügt sich aber – das ist die Utopie der Bilder – irgendwann zu einem Gesamtbild zusammen, das durchlässig ist für Licht und den sie umgebenden Raum.
 
Auch für gelingende Bilder gibt es richtige Zeitpunkte. Die Zeit dazwischen (als dennoch produktive) auszuhalten, ist manchmal Schwerstarbeit.
 
Da kehrt ein Mädchen einem anderen den Rücken zu, beide laufen in großen Schritten voneinander weg. „Ich spiel nicht mehr mit,“ aber da ist noch ein anderer Satz: „bitte spiel mit mir!“ Die Sätze liegen nicht bloß, man muss sie schon durch mehrere Schichten hindurch entdecken, zu einer Wahrheit durchdringen, die irgendwo verborgen liegt. Das gilt nicht nur im strafrechtlichen Sinne, sondern auch für unsere Seele. Als Kinder haben wir diese Sätze mit großer überzeugung gesagt, trotzig oder einfach nur müde den anderen stehen gelassen, am nächsten Tag aber wieder gebettelt, ach bitte spiel doch mit mir. In Erwachsenen kann der eine Satz vom anderen überdeckt sein. Unter dem barschen „Ich spiel nicht mehr mit“, mag sich der Schmerz einer unerfüllten Bitte nach dem Mitspielen verbergen - in einer anderen Schicht. Eindeutigkeit ist meistens ein Konstrukt.
 

Ich bin immer wieder erstaunt, mit welch wenigen Strichen Rosa Reichenbach die elementarsten Themen unseres Lebens ins Bild bringt: die Sehnsucht nach Zugehörigkeit, der Drang nach Freiheit als überschreiten von fremd und selbst gesetzten Grenzen, das Bedürfnis nach mir aneignender Individualität, nach sich Zeigen und Wahrgenommenwerden, nach Erlaubnis zum Spielen und Experimentieren und die Sehnsucht nach selbstvergessener Konzentration.
 
Und es sind nicht nur die Themen, die die Bilder stark und manchmal rätselhaft machen, sondern der künstlerische Umgang damit, wie sie den Menschen anhaften.
 
Rosa Reichenbach ist dabei selbst die große Spielerin in ihren Arbeiten. Und das bedeutet, dass sie sich eindeutigen Zuordnungen entzieht. Sie zeichnet nicht, sondern skizziert, sie macht eine Collage und reißt sie wieder auseinander, sie modelliert nicht, um Dreidimensionalität zu erreichen, sondern lässt Papierfragmente abstehen, sich rollen, aus dem Bildrand schauen. Sie macht in neuer Zeit Skulpturen, die hauptsächlich aus Luft bestehen. Immer wieder enttäuscht sie Erwartungen – und setzt damit einen Erkenntnisprozess und eine Lust im Betrachtenden frei, die freilich auch Gräben überwinden muss.
 
Aber wenn wir einen großen Schritt tun, auf die Bilder zu, dann beginnen wir zu sehen: Die selbst genügsame Lust der sich drehenden und spiegelnden Frauen, sie schauen an sich herunter, ach bin ich schön in diesem Rot, wie wohlig ist mir in diesem Blau, der Kaiserin neue Kleider, sie hat ja gar nichts an! Nein, hat sie nicht, sie muss aber nicht entlarvt werden, sie zeigt es!
 
Daneben im Bild die seriellen Frauen, eine wie die andere, geklonte Models auf einem Laufsteg, eine Schulter lasziv hochgezogen, eine Hand an der Hüfte. Jede trägt ein anderes Detail: ein BH oder, wie die Signatur des Wassers andeutet, ein Bikinioberteil, ein Rock, eine kurze Hose oder ein Schlüpfer, ein Handschuh. Die Beschaffenheit der Bekleidung ist wie in einem Musterbuch dran geklebt. Ein Schnittmuster im Hintergrund, ein kleines Segelboot. Durch die individuelle Nacktheit nimmt man die Gleichförmigkeit der Körper zunächst gar nicht wahr. Wir sehen vor allem eine perfekt synchrone Bewegung der Frauen, wie wir sie von Tanzchoreographien kennen. Sie bewegen sich aus den Schnittmustern des Lebens heraus auf das fließende Wasser zu, eine steht schon mit den Füßen darin. Sie kommen auf uns zu. Dieses Bild zeigt für mich am stärksten eine Seelenverwandtschaft der Arbeiten von Rosa Reichenbach zu Pina Bausch’s Tanztheater.
 
Wie war das, als wir noch brav waren? Rosa Reichenbach ahmt den Duktus der Anziehpuppen nach, eine brave Strichführung diesmal, parallel gestellte Beine und Füße, Hände hinterm Rücken. Aber dann zieht sie die gezeichneten Puppen an. Nichts passt so richtig, es wirkt absurd, und beim letzten Mädchen ist das Kleid selbst gezeichnet, aber sie lässt es hinter dem Rücken des Mädchens verschwinden. Als habe das brave Mädchen mehrere Metamorphosen durchlebt, präsentiert es sich jetzt keck mit hochgezogener Braue, mit kräftigen Armen und sicherem Stand. Keine Verkleidung mehr, die nach Schnittmuster haargenau vorgibt, was sie zu tragen hat.
 
Die andächtige Tätigkeit des Nippelumknickens haben wir Mädchen vor der Zeit der Barbiepuppen wohl alle geliebt, auf diese Weise konnten wir die Papierfiguren anziehen und wieder ausziehen, ihnen mehrere Schichten übereinander anlegen, sie wieder ausziehen, noch mal neue Kleider anprobieren.
 
Diese Bewegung ist in vielen Bildern enthalten. Rosa Reichenbach zieht die Bilder mit Menschen und Schrift an, mit Wortbändern, aber auch mit realen Gegenständen wie Handschuhe, Blumenkranz und Stofffetzen. Zwei Figuren nehmen die Stofffetzen auf, beginnen damit zu jonglieren, eine Kuh drängt sich dazwischen: nehmt mich in eure Mitte, spielt mit mir. Und dieses schwere Milchvieh stimmt in die Bewegung ein, der Schwanz im Schwung wie die Arme, das Vorderbein in synchroner Position wie das Menschenbein. Sie lässt sich gehen. Das Unmögliche und das Animalische wird in die Mitte genommen, ohne dass die beiden aufhören zu spielen.
 
Auch die Saxophonspieler spielen. Rosa Reichenbach hat sie mit einem blauen und einem gelben Saxophon angezogen. Goldene Töne perlen am rechten Bildrand ab, die Frau mit dem roten Kussmund und den großen roten Kringeln am Leib nimmt die Töne konzentriert auf in einer beginnenden Beinbewegung. Nehmt mich auf in eure Töne, aber bleibt in eurer Versunkenheit. Bei sich bleiben in der Hingabe, welch eine Utopie.
 
Ihre Arbeiten mit Transparentpapier haben eine Fortführung in den “Luftkissen” gefunden. Rosa Reichenbach schafft „Skulpturen“, in die man hineinsehen kann. Hier ist, wenn man so will, die Rahmung und die Abgrenzung zum Raum noch ein Stück weiter aufgehoben, „ungezäunt“ dringt der Blick zum Inhalt vor.
 
In dieser Ausstellung sehen wir nur eine der Bildblasen. In ihr balanciert ein Mann auf einem roten Ball. Der Ball hat ein ausgebranntes Loch – eine weitere Unmöglichkeit. Aber nein, es ist ja genug Luft da, festgehalten im Luftkissen. Hinter ihm eine wie hängende Frau, gehalten von einem Wesen über ihr, in völliger Passivität. Vor ihm eine Figur mit großen bunten Schwingen, vielleicht der Feuervogel, der das Loch gebrannt hat? Gefahr und Anziehung zugleich, belauern sie sich oder breitet der Mann empfangend die Arme aus? Oder wird hier noch eine ganz andere Geschichte erzählt, die in Ihnen, den Betrachtenden, geweckt wird?
 
Es bleibt bei aller Komplexität der Bedeutungen der erste Eindruck von Leichtigkeit und Beweglichkeit der Bilder und der Bildblasen, sie rühren an die Vision eines Lebens ohne Anstrengung. Ich meine nicht die Anstrengung, die der Erreichung eines Ziels vorangeht, sondern die, die etwas weg halten muss, dem man nicht oder nicht mehr begegnen möchte. In den Bildern liegt ein Versprechen: du kannst ihm begegnen, du kannst dich damit konfrontieren, denn in dem Moment, wo du es tust, entsteht Freiheit.
Copyright Rose-Marie Bohle